Mahnmale auf dem Gehweg in Urberach

„Stolpersteine“ halten Erinnerung an jüdische Familien wach

Urberach - 17 „Stolpersteine“ erinnern in der Bahnhof- und Darmstädter Straße an die letzten Urberacher jüdischen Glaubens, die die Schlägertrupps der Nazis aus ihren Häusern vertrieben. Von Michael Löw 

Gunter Demnig zementierte die Mahnmale in den Bürgersteig ein, rund 50 Bürger begleiteten den Künstler auf seinem Weg. „Mit hawwe de Auszug aus Ägypten geschafft. Da wern mer disch ah noch packe - Adolf, disch und dei dreckisch braun Zores!“ Den Trotz gegen Hitler und seine Gefolgschaft legte Christiane Lotz gestern Emilie Adler in den Mund, deren Familie bis zum 11. November 1938 in der Bahnhofstraße lebte. In der Nacht vom 9. auf den 10. November, der so genannten Reichskristallnacht, hatte der braune Mob auch in Urberach gewütet. Danach mussten letzten Juden mussten ihren Heimatort verlassen.

Einen Koffer - mehr konnten die einst geachteten Nachbarn bei ihrer Vertreibung nicht mitnehmen. Michael Kiesling (links) und Oliver Nedelmann packten symbolisch zwei Leiterwagen.

Jahrzehnte-, wenn nicht gar jahrhundertelang waren die Familien Strauss, Rothschild, Katz und Adler „von Jedermann geachtete Nachbarn“, sagte Bürgermeister Roland Kern gestern auf dem Häfnerplatz, von wo aus sich etwa 50 Bürger auf den Weg zu jenen vier Häusern machten, aus denen die Nazi-Schläger vor 77 Jahren die jüdischen Bewohner vertrieben hatten. Sie waren Metzger und Schuhverkäufer, leidenschaftliche Sänger und gute Fußballspieler - ganz normale Orwischer eben. Was mögen diese Menschen in den schlimmen Stunden empfunden haben? Oliver Nedelmann und Christiane Murmann von der „Initiative Stolpersteine“ haben sich gemeinsam mit Horst Peter Knapp in ihre Köpfe hineingedacht und 17 Erinnerungen, Beobachtungen, Ängste und Hoffnungen niedergeschrieben.

Gunter Demnig verlegte vor vier Häusern 17 „Stolpersteine“ als Mahnung gegen das Vergessen und Verdrängen.  

„Warum macht ihr das? Wir haben doch keinem was getan!“, lassen sie Katinka Adler verwundert fragen, die nach ihrer Heirat mehr als 25 Jahre in Urberach lebte. Die Klagen ihres Sohnes Ludwig stecken dagegen voller Anklagen über jene Nachbarn, die die Ohren zugehalten und die Gardinen vorgezogen haben. Aber auch jene Urberacher wie die „Gleggner-Greta“ oder der „Spengler-Maddin“, die ihren jüdischen Nachbarn bis zuletzt halfen, wurden gestern posthum gewürdigt. Gerd Blickhan, Jahrgang 1947, war erleichtert, dass sich Urberach seiner Vergangenheit stellt: „Ich wusste nicht viel vom jüdischen Leben in unserem Ort.“ Der Zweite Weltkrieg sei bei vielen Familientreffen Thema gewesen. Doch sobald das Gespräch auf die Juden kam, wurden die Alten schweigsam: „Lass es ruhen!“

Genau das will die „Stolperstein“-Initiative nicht. Die 17 mit den Lebens- und meist auch Sterbedaten versehenen Steine sollen die Erinnerung an die Strauss", Rothschilds, Katz" und Adlers wachhalten - so wie es in Ober-Roden seit knapp zwei Jahren sechs „Stolpersteine“ mit den Namen der Familien Hecht und Kahn tun.

Großes Interesse an ersten „Stolpersteinen“

Quelle: op-online.de

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