VFS-Schwimmkurs für Migrantinnen

Die Männer warten vorm Badehaus

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Sie warten schon sehnsüchtig darauf, gleich ins Wasser zu gleiten. Unser Bild zeigt eine kleine Gruppe der rund 50 bis 60 Frauen - Trainerinnen und Schwimmanfängerinnen -, die jeden Montagabend das Badehaus eine Stunde für sich allein haben.

Urberach - Montags um 19. 30 Uhr ist das Badehaus geschlossen - außer für rund 60 Frauen, für die dann eine Stunde gemeinsamer Lernstress und Schwimmspaß anstehen. Fast alle sind muslimischen Glaubens, deshalb ist an diesem Abend Männern der Zutritt strengstens verboten. Von Christine Ziesecke 

Der Kursname „Schwimmen für Frauen“ wird manchmal stirnrunzelnd betrachtet. Erst gleich sein wollen und sich dann wieder ausgrenzen? Hier liegt die Sache anders. Denn die 50 bis 60 Frauen, die sich montags im Badehaus treffen und beim Verein für Fitness und Schwimmsport (VFS) einen Kurs belegt haben, würden unter den Augen aller Anderen nicht schwimmen - oder nicht schwimmen dürfen. Sie sind großteils Muslima, deren Familien religiöse Tradition leben, aber auch Frauen aus anderen Ländern ebenso wie Deutsche. Sie kommen für diese eine Stunde aus Dietzenbach, Langen oder Rodgau nach Urberach, weil es außer im Badehaus keine andere reine Frauenschwimmstunde gibt.

Entsprechend groß ist der Andrang. Rund 100 Frauen sind angemeldet, 30 stehen auf der Warteliste für den nächsten Kurs nach Ramadan. Sie können nicht immer alle teilnehmen, denn sie haben Kinder oder sie arbeiten abends Schicht. „Aber sie bekommen fast alle Unterstützung von zu Hause“, räumt Selda Öztürk, eine der fünf Trainerinnen und zugleich stellvertretende VFS-Vorsitzende, mit einem Vorurteil auf. Die Männer sind stolz auf ihre Frauen. Und die Frauen haben einen ganz ungewöhnlichen Ehrgeiz. Sie lernen wie besessen, probieren Neues immer und immer wieder, wollen kaum aufhören und helfen sich auch untereinander, da die Trainerinnen nicht bei jeder sein können.

Nur eine Frau schwimmt im Ganzkörperanzug

Im Foyer des Badehauses sind die praktizierenden Muslima an ihren Kopftüchern und oft an ihrer Kleidung noch eindeutig zu erkennen; spätestens in der Umkleidekabine ist das vorbei. Dann werden die Kopftücher gelöst und die Badeanzüge und Bikinis aus der Tasche geholt. Nur eine junge Frau schwimmt aus religiöser Überzeugung im Ganzkörperanzug. „Das ist schon manchmal sehr warm, das liegt ja wie ein Neoprenanzug an“, erzählt sie. Sie hat erst selbst hier schwimmen gelernt; jetzt trainiert sie andere.

Die Trainerinnen stammen aus Polen (wo diese Sportlerin 1993 Landesmeisterin über 50 Meter Brustschwimmen war), aus der Türkei, aus Weißrussland, aus Oberschlesien und aus Deutschland - Birgit Scholtz kam über die Kita Lessingstraße und hat die Ausbildung als Trainerassistentin für Kindergartenkinder gemacht. Manel Ebrahim - inzwischen VFS-Vorstandsmitglied - ist im Iran aufgewachsen, wo Frauen überhaupt nicht ins Schwimmbad durften, und nimmt sich jetzt der Flüchtlinge an, die über das Netzwerk Integration Kontakt zum VFS bekommen.

Wer nicht bezahlen kann, wird unterstützt

„Unser Verein kümmert sich ja nicht nur ums Frauenschwimmen, sondern auch um Behinderte, Flüchtlinge und jede Form sozial Benachteiligter“, erläutert die Vorsitzende Anne von Soosten-Höllings. Finanzielle Grundlage für die Teilnahme ist die Mitgliedschaft im Verein: 100 Euro im Jahr. Doch wer das nicht bezahlen kann wie etwa die frisch zugezogenen Flüchtlinge, wird unterstützt.

Dass der Verein finanziell keine großen Sorgen hat und deshalb an sozialen Brennpunkten helfen kann, hat er vor allem der Tatsache zu verdanken, dass er gute Werke tut, die anerkannt werden. Mit Preisen wie dem Integrationspreis der Stadt Rödermark, dem Oddset-Zukunftspreis oder zuletzt beim bundesweiten Finale der „Sterne des Sports“. Das bedeutete für Anne von Soosten-Höllings und Selda Öztürk einen herzlichen Händedruck von der Kanzlerin in Berlin und 1000 Euro aufs VFS-Konto.

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Quelle: op-online.de

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