Rentner nur mit Bewährungsstrafe

Vorwurf der Brandstiftung nicht zu halten

Ober-Roden/Darmstadt - Das Landgericht Darmstadt verurteilte einen 77-Jährigen wegen leicht fahrlässiger Brandstiftung zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe die Zerstörung des eigenen Hauses billigend in Kauf genommen, wurde während des Prozesses entkräftet. Es ist ein schwerer Vorwurf, jemanden zu bezichtigen, in voller Absicht sein Haus angezündet zu haben. Doch genau das warf die Darmstädter Staatsanwaltschaft einem 77-jährigen Rentner aus Ober-Roden vor: Er soll am 21. September vorigen Jahres im Wintergarten mit Zeitungen gezündelt und einen Brand billigend in Kauf genommen haben. Dabei entstand ein Schaden von 150.000 Euro. Diese Anklage ist nun vom Tisch.

Nach einem dreitägigen Prozess wurde der frühere Elektromechaniker wegen fahrlässiger Brandstiftung zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Er soll in ein Rodgauer Seniorenheim einziehen und muss sich alle zwei Wochen bei der psychiatrischen Instituts-Ambulanz in Langen vorstellen - damit will die Kammer sichergehen, dass er seine Medikamente ordnungsgemäß einnimmt.

„Das ganze Nachtat-Verhalten spricht nicht für Vorsatz“

Richter Christoph Trapp legt die Bewährungszeit auf drei Jahre fest, in dieser Zeit muss er zeigen, dass die Stigmatisierung der Nachbarschaft („der hat andauernd gezündelt“) jeder Grundlage entbehrt. Trapp folgt mit dem Urteil vollumfänglich dem Plädoyer von Staatsanwältin Susanne Deltau. Sie glaubt den Aussagen des älteren Herrn, demzufolge er nur seine Pfeife angezündet und dabei kein Entfachen eines Feuer bemerkt hat. Und sie hält ihm gleich mehrere Umstände zugute: „Das ganze Nachtat-Verhalten spricht nicht für Vorsatz. Er hat sofort, als die Sicherungen flogen und er den Brand entdeckte, die Feuerwehr verständigt, die Ehefrau aus dem Haus gebracht und das Auto weggefahren, um eine Explosion zu vermeiden!“

Verteidiger Norbert Köhler geht noch einen Schritt weiter. In einem hervorragenden Schlussvortrag schließt er auch Fremdverschulden nicht aus. Der Anwalt: „Die Haustür meines Mandanten stand Tag und Nacht offen. Und ein Nachbar hat hier vor Gericht sehr offen ausgedrückt, was die meisten Anwohner an dem verhängnisvollen Brandmorgen dachten: ,Wir waren alle schadenfroh. Wir haben uns oft genug über ihn geärgert.’“ Scharf kritisiert Köhler die Vorverurteilung durch den Begriff „zündeln“, der sich wie ein roter Faden durch die Akte zieht - und die Anwohner: „Fünfmal riefen Nachbarn im letzten Jahr die Polizei, weil mein Mandant angeblich auf seinem Grundstück Feuer machte. In nur zwei Fällen wurde ein ungefährliches Lagerfeuer aktenkundig.“ Wegen erheblicher Zweifel plädierte der Verteidiger für Freispruch.

Sicher ist indes, dass die Handlung des Ober-Rodeners im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit passierte. Bedingt durch einen hirnorganischen Abbauprozess leidet er an einer krankhaften seelischen Störung, was seine Steuerungsfähigkeit erheblich herabsetzt. Das bestätigte ein psychiatrischer Gutachter der Psychiatrie in Riedstadt. Seit dem Vorfall sorgt ein Betreuer für den 77-jährigen, der bis zum Urteil in Untersuchungshaft saß.

Ein technischer Defekt als Brandursache konnte laut Sachverständigem übrigens ausgeschlossen werden. Wichtig ist der Schuldspruch „leicht fahrlässige Brandstiftung“ auch wegen der Wohngebäudeversicherung: Die hätte bei grober Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz eine Entschädigung wohl abgelehnt.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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