Wer braucht schon eine warme Kita?

Mit den „Waldkobolden“ im Regen unterwegs

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Platz ist in der kleinsten Pfütze: Die „Waldkobolde“ drehen an Regentagen so richtig auf, da bleibt keine Matschhose trocken. 

Ober-Roden - Dreieinhalb Grad, seit Stunden regnet’s - viel schlimmer kann es kaum kommen, wenn man einen Vormittag fern jeder Heizung im Freien verbringen will. Von Michael Löw 

Doch die „Waldkobolde, sozusagen die Open Air-Abteilung des „Motzenbruch“-Kindergartens, haben an solchen Regentagen mächtig Spaß. Je höher das Wasser aus der Pfütze spritzt und je glitschiger das Holz fürs Hüttenbauen ist, desto mehr haben die Drei- bis Sechsjährigen daheim zu erzählen. Wir haben sie in den Regenwald begleitet.

Die rotweiße Schranke zum Festplatz am „Schillerwäldchen“ ist das Tor zu Rödermarks flächenmäßig größtem Kindergarten. Die Heimat der „Waldkobolde“ reicht von den letzten Häusern des Breidert bis an den Ortsrand von Eppertshausen. Ihr Kita-Tag beginnt auch an diesem verregneten Vormittag trocken - in der Hütte, in der bei Waldfesten die Steaks gegrillt werden. Die Erzieher Matthias Claßen und Sonja Seipel verteilen ein paar kleine Dienste: Wer zieht den Bollerwagen? Wer guckt, dass alle Werkzeuge dabei sind? „Auch die Schaufel fürs Kacka“, macht Marian schnell klar, dass Hygienefreaks im Waldkindergarten falsch sind. Zum Händewaschen nehmen die Erzieher ein bisschen Wasser und viel Lavasand mit. Der reinigt fast so gut wie Seife.

Sobald der Wagen gepackt ist, ziehen die „Kobolde“ los. Matschhose, Regenjacke oder wasserdichte Overalls haben die Eltern ihnen schon zu Hause angezogen. „Sonst kämen wir ja gar nicht weg“, kommentiert Claßen trocken. Gefrühstückt wird ein paar hundert Meter weiter auf einem Waldsofa. Klingt kommod, ist aber nur ein Karrée aus nassen Baumstämmen. Wohl dem, der ein Sitzkissen dabei- und eine Gummihose anhat. Jeansträger sind die Verlierer. „Mir ist’s egal, wenn es regnet, denn dann finden wir Schnecken und Regenwürmer“, gewinnt Charly dem Wetter gute Seiten ab. Was ihr am Waldkindergarten sonst gefällt, will sie nicht verraten: „Das ist mein Geheimnis!“ Noah klettert gern auf Bäume, Marians Favoriten sind Fangen und Versteckspielen.

Bilder: Mit den „Waldkobolden“ im Regen unterwegs

Wenn - wie am Donnerstag - zur Nässe noch Kälte kommt, ist ohnehin Bewegung angesagt. Da kommen die Kinder auch meist von alleine drauf. Die Kleinen sind hart im Nehmen. Matthias Claßen hat in den zweieinhalb Jahren, die er nun schon bei den „Waldkobolden“ arbeitet, noch nicht erlebt, dass Eltern ihre Sprösslinge in den trockenen und warmen Regelkindergarten ummelden.

„Kobold“-Eltern sind nach Claßens Erfahrungen „Leute mit einer gewissen Tendenz zum Draußensein“. Etliche Fußballerfamilien, die bei Wind und Wetter stundenlang am Sportplatz stehen, haben kleine „Kobolde“ im Wald. Und sie geben sich keinerlei Illusion hin, ihre Kinder mittags sauber zurückzubekommen. Aber sie können die Gummikleidung ihrer kleinen „Matschos“ ja notfalls abspritzen.

Für Spaziergänger im Breidert sind die „Kobolde“ längst ein gewohnter Anblick. Da sagt keiner „Oh, die armen Kinder. Die werden ja ganz nass!“ oder „Die haben ja gar kein Spielzeug!“. Auch das gehört zum Konzept eines Waldkindergartens. Im Bollerwagen liegen nur ein paar Plastikschäufelchen und -rechen - und natürlich die berühmte Entsorgungsschippe. Alles andere finden die Kinder unter den Büschen und Bäumen. Der abgebrochene Ast, der eben noch Teil einer Hütte war, wird zum Einhorn - dem Lieblingstier von Charly, die ganz in Pink durch den Regenwald stapft.

Quelle: op-online.de

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