Anne Kranich leidet unter einer seltenen Allergie

Wasser - die Quelle des Schmerzes

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Selbst so eine banale Tätigkeit wie das Händewaschen hat für Anne Kranich meist üble Folgen. Deshalb überlegt sie sich"s lieber zwei Mal, ob sie sich beim Spielen mit ihrer kleinen Schwester dreckig macht. Für die Fotos ging die Zwölfjährige übrigens nur so nah an den Wasserstrahl heran, dass sie keine allergischen Reaktionen befürchten musste.

Ober-Roden - Aquagene Urtikaria ist eine überaus seltene Krankheit, schon ein paar Spritzer Wasser lösen allergische Reaktionen aus. Weltweit sind nur gut drei Dutzend Menschen davon betroffen, Anne Kranich (12) ist eine von ihnen. Von Michael Löw

Sommerspaß im Freibad, Schwimmunterricht im Badehaus, eine lange, heiße Dusche nach einem kalten Tag: Davon kann Anne Kranich nur träumen. Seit Dezember ist sie allergisch auf Wasser. Schon nach ein paar Tropfen sieht Annes Haut aus, als hätte sie in die Brennnesseln gegriffen. Kommt sie länger mit Wasser in Berührung, überzieht sich ihr Körper mit Pusteln und Quaddeln, im schlimmsten Fall drohen Kreislaufprobleme und Atemnot. Als wär"s noch nicht genug: Schweiß und Tränen spielen ihr ähnlich übel mit. Sich wie andere Jugendliche stundenlang mit dem i-Pod in der Badewanne lümmeln, kann Anne vergessen. Körperpflege mit Wasser muss sie aufs hygienische Minimum beschränken. „Baden muss bei mir richtig schnell gehen, sonst wird"s schwer mit dem Atmen“, erzählt die Zwölfjährige, die mit ihrer Krankheit erstaunlich cool umgeht. Bevor sie in die Wanne steigt, wäscht Annes Mutter ihr die Haare im Blitzdurchgang mit der Brause.

Außer Anne Kranich leiden laut diverser Internetforen auf der ganzen Welt nur etwa 35 Menschen an der Aquagenen Urtikaria. Seit ein paar Wochen ist sie an der Uniklinik Mainz in Behandlung. Dort hat sich Oberärztin Dr. Petra Staubach-Renz auf Nesselsucht spezialisiert. „Diese sehr seltene Krankheit erfordert das strikte Vermeiden jeglichen Kontakts zu Wasser“, attestiert die Medizinerin. Eine Konsequenz der Allergie: Schwimmunterricht und schweißtreibender Schulsport sind verboten. „Die Lehrer nehmen das aber nicht ernst“, bedauert Annes Mutter Sylvia Kranich-La. Statt für Ersatzunterricht zu sorgen, nahm der Sportlehrer ihre Tochter mit ins Badehaus, wo sie zwei Schulstunden - immerhin fern vom Becken - Däumchen drehen musste. Zwei Mal schon haben in der Klasse Mädchen Wasser auf Anne gespritzt. Die fanden"s komisch, die Allergikerin natürlich nicht: „Selbst ein kleiner Tropfen löst bei mir was aus!“

Sind die Pusteln erst da, hat Anne buchstäblich die Qual der Wahl. Wenn sie sich mit Jucken Linderung verschafft, kratzt sie sich die Haut blutig. Hält sie ihre Finger ruhig, treibt der Juckreiz ihr die Tränen in die Augen. Danach ist auch Annes Gesicht gerötet. Für schlimmere Allergieschübe hat ihr die Uniklinik Mainz ein Notfallset - unter anderem mit flüssigem Cortison - verordnet. Regen ist für Anne Kranich alles andere als ein Segen. Deshalb haben ihre Eltern bei der Kreisverkehrsgesellschaft die kostenlose Beförderung im Schulbus beantragt. Doch der Weg von der Breslauer Straße zur NBS ist nur 2,7 Kilometer lang, Gratisfahrten gibt"s aber erst ab drei Kilometern. Über Härtefälle wiederum entscheide der Kreis, erklärte die KVG Sylvia Kranich-La. Dort, so die empörte Mutter, habe sie die Auskunft erhalten, dass das Sozialamt nur die Fahrtkosten für Behinderte, nicht aber für Kranke übernimmt.

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Das bestätigte auch Ursula Luh von der Kreispressestelle gegenüber unserer Zeitung: Eine Allergie ist keine Behinderung. Wenn die Familie einen Antrag stellt und mit medizinischen Fakten untermauert, nehme der Kreis eine Einzelfallprüfung vor. Bürgermeister Roland Kern hat auf unsere Nachfrage Hilfsbereitschaft signalisiert. Er werde bei der KVG ein gutes Wort für die junge Mitbürgerin einlegen. Bleiben die Nahverkehrsmanager hartleibig, kann er sich Unterstützung über die Stiftung Rödermark vorstellen. Annes Wochenkarte kostet übrigens 9,70 Euro...

Quelle: op-online.de

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