Rödermärker Freundeskreis bringt Geschenke zu Obdachlosen

Bescherung in Frankfurter B-Ebene

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Olga Servik, Alina Novicova, Caner Üstundag, Deniz Elmas, Leandro Costa und Yuji Uematsu packten in der Donaustraße Geschenke für Obdachlose. Bei der Bescherungstour durch Frankfurt wurden sie von Stefan Müller und Daria Foos unterstützt.

Ober-Roden - Zum fünften Mal schon bescherten junge Leute aus Ober-Roden und Umgebung am zweiten Weihnachtsfeiertag Obdachlose in Frankfurt. Von Michael Löw 

Statt sich wie viele Altersgenossen in chilligen Clubs zu vergnügen, waren sie in der B-Ebene der Hauptwache und anderen wenig einladenden Ecken der Stadt auf Tour. Den Inhalt von knapp 60 Geschenkpäckchen sammelten sie bei ihren Familien, Nachbarn und befreundeten Firmen. Ein bis auf zwei Bierzeltgarnituren leeres Zimmer in der Donaustraße ist kurz vor Heiligabend Weihnachtswerkstatt. Die dort arbeitenden Engel passen aber nicht so recht ins Klischee des pausbäckigen Himmelshelfers mit goldener Haarpracht. Leandro Costa, ein Schrank von Mann mit tätowierten Oberarmen, gäbe eher einen Knecht Ruprecht ab, dem man die Drohung mit der Rute ohne zögern glaubt.

Leandro Costa gehört zu einer mittlerweile bis zu zehn Frauen und Männern starken Gruppe, die seit Jahren Päckchen für Frankfurter Obdachlose packt. Mit ihm stehen an diesem Abend Olga Servik, Alina Novicova, Caner Üstundag, Deniz Elmas und Yuji Uematsu an den Tischen voller Mandarinen, Orangen, Plätzchen, Chips, Winterkleidung, Decken und Schlafsäcken. „Wir sind eine echte Multikulti-Truppe“, sagt Alina Novicova. „Habt ihr eine Zigarette oder was zu essen übrig?“ Diese Bitte eines abgerissenen Mannes nach eigentlich Selbstverständlichem mitten auf der weihnachtlich strahlenden Zeil blieb hängen. An Heiligabend 2011 gingen Alina Novicova, Deniz Elmas, Leandro Costa und ein paar Freunde erstmals auf Bescherungstour.

Mehrere Wohlfahrtsorganisationen bieten Obdachlosen - oder „Berbern“ wie sie sich selbst oft nennen - an Weihnachten einen Platz zum Schlafen, Wärme, Essen und ein wenig menschliche Nähe an. Doch viele können die Plakate nicht lesen, andere wollen keine Hilfe. Sie lagern lieber allein in den Gängen unterm Hauptbahnhof, in den B-Ebenen von Haupt-und Konstablerwache oder anderen dunklen Ecken.

Deniz Elmas ist beeindruckt von der Solidarität, die unter denen herrscht, wie von unserer Solidargemeinschaft nichts mehr spüren: „Ich staune, wie sich diese Leute gegenseitig helfen. Viele sagen, dass 100 Meter weiter in der nächsten Straße noch jemand in einem Hauseingang liegt und bitten uns, auch dort hin zu gehen.“ Jacken, Mützen und Eintopf sind ein Teil der Hilfe. Doch die „Berber“ freuen sich auch, wenn ihnen jemand zuhört. Ein Lette erzählte seinen Weihnachtsbesuchern, dass er jahrelang in Frankfurt gutes Geld als Monteur verdient hatte. Soviel, dass er daheim ein Haus bauen konnte. Als er wieder einmal nach Lettland kam, stand er vor verschlossener Tür: Seine Frau hatte sich einen neuen Freund angelacht und die Schlösser ausgetauscht. Die Ersparnisse waren weg, eine Abwärtsspirale setzte sich in Gang.

Leandro Costa ging die Geschichte einer alten Frau arg an die Nieren. „Die war bestimmt 70 und hatte keine Zähne mehr. Sie bettelte mich an: Ich liebe Suppe und habe schon so lange keine mehr gegessen!“ Costa hat täglich Suppe im Teller und aß sie lange, ohne sich Gedanken darum zu machen. Jetzt würdigt er auch ganz einfach Mahlzeiten. Seinen Freunden geht"s ähnlich. Dass die Einkaufswagen, die sie am zweiten Weihnachtsfeiertag durch Frankfurt schoben, so gut gefüllt waren, verdanken Alina Novicova, Deniz Elmas, Leandro Costa und ihre Mitstreiter den Firmen Mix Markt Offenbach, LA Car Dip und der Autolackiererei Elmaz sowie Neslihan Kocakoyun, Abeda Qayumi, Laura Marie Buxmann, Gina Kollmann sowie dern Familien Effner und Köhnlein. Wichtig ist ihnen nicht nur der Inhalt: Obst und Süßigkeiten verpacken sie grundsätzlich in Geschenkpapier und binden eine Schleife drum. Das Auspacken lässt auch in der B-Ebene einen Hauch von Weihnachten aufkommen.

Der Freundeskreis, der sich nach den Anfangsbuchstaben seiner Gründer ADL - Alina, Deniz, Leandro - nennt, tut seit fünf Jahren viel Gutes. Und doch fahren alle von ungemütlichen Schlafsack-Lagerstätten zurück in gut beheizte Wohnungen mit Bad, Fernseher und Internetanschluss und haben das Gefühl, noch mehr tun zu müssen. Leandro Costa: „Wenn man einen Mann trifft, dessen Augen man wegen einer Bindehautentzündung nur noch als rote Punkte sieht, ist man einfach nur hilflos.“

Quelle: op-online.de

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