Weihnachtskonzert

Musikverein 06 greift zu ungewöhnlichen Instrumenten

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Dirigent Laszlo Szabo mit der Klatsche, die bei der „Petersburger Schlittenfahrt“ sehr lautstark das Peitschenknallen vertonte.

Urberach - Zum traditionellen Weihnachtskonzert hatte der Musikverein 06 Urberach auch diesmal direkt vor dem Fest eingeladen. Von Christine Ziesecke 

Die drei Orchester des Vereins stellten sich mit einem bunten Programm vor, das Klassisches ebenso präsentierte wie etwa Filmmusiken, für Blasorchester Komponiertes ebenso wie später dafür Arrangiertes, Ohrwürmer ebenso wie eher unbekannte Variationen bekannter Stücke. Das konnte sich hören lassen: Der Musikverein 06 machte musikalisch Vorfreude aufs Fest. Die Stimmung war entsprechend feierlich. Und die Zuhörer entspannten sich vom Vorweihnachtsstress. Leider mit dem Effekt, dass Urberacher die Veranstaltungsorte in Ober-Roden eher meiden. Trotz guten Besuchs der Ober-Röder Kulturhalle hätten noch manche Gäste Platz gehabt. Doch wer nicht da war, hat etwas verpasst. Es war ein sehr ansprechendes Konzert mit den Höhepunkten, für die der Verein längst bekannt ist.

Das gut 30-köpfige Juniororchester unter der Leitung von Melanie Pranieß eröffnete den festlichen Reigen; Solisten etwa an Altsaxophon und Horn setzten dem Ganzen zusätzliche Glanzlichter auf. Der Trompetensatz der teilweise erst zehn- bis 16-jährigen Musikerinnen und Musiker im „Prince of Denmark March“ etwa erinnerte an zahlreiche Hochzeiten wie etwa auch jene von Lady Diana und Prinz Charles einst.

Immer auch für eine optische Überraschung gut: das Jugendorchester des Musikvereins 06 Urberach, geleitet von Thomas Martin.

Ohne eine weihnachtliche Zugabe kam das Orchester nicht davon. „Die Dirigentin Melanie Pranieß hat ein besonders gutes Händchen für junge Leute mit einem manchmal etwas überschäumenden Temperament“, bescheinigte ihr der Moderator, Musiker und Dirigent Jürgen K. Groh, ein echter Kenner der Musikszene in der Region. Er stellte danach das Jugendorchester des Musikvereins 06 vor, dessen Leiter Thomas Martin sein junges Team zu lange beklatschten Höhepunkten gebracht hat. In vielen teilweise sehr schwierigen Klangbildern ließ das Jugendorchester sowohl den Zeichentrickfilm „Brother Bear“ oder auch „Bärenbrüder“ ebenso lebendig werden wie den „Mont Blanc – la Vie Royale“.

Vor den Augen der Zuhörer entwickelten die Instrumente einen Tag rund um den höchsten Gipfel mit all seinen Schönheiten und Tücken, mit sanftem Vogelgesang ebenso wie mit zuckenden Blitzen und grollenden Gewittern, deren Bühnenbeben sogar Vereinsfahnen am Bühnenrand abgleiten ließ ebenso wie Notenblätter auf den Ständern – so intensiv war der Einsatz. Und auch der von den langjährigen Zuhörern längst erwartete optische Gag blieb nicht aus: Was bot sich bei der Musik zu Ennio Morricone und Sergio Leones Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ („Once upon a Time in the West“) mehr an, als einen Cowboy auf seinem Pferd auf die Bühne stürmen und ihn nach dem Dahinscheiden seines vierbeinigen Freundes zur Mundharmonika greifen zu lassen? Auf einem plüschenen Spielzeugpferdchen „hereingaloppiert“, zerbrach der arme Cowboy Janko Wilzbach fast an seinem Schmerz – wenn ihn nicht sein eindringliches Lied auf der Mundharmonika emotional errettet hätte.

Die Pause samt dem verteilten weihnachtlichen Naschwerk brauchte das Publikum schon, um sich von diesem traurigen Leid zu erholen – ehe das große Blasorchester die Bühne eroberte, mit seinem Dirigenten Laszlo Szabo in allererster Reihe, der. Selbst wenn er seinem Publikum nur den Rücken zukehrt, ist seine eher zurückhaltende, aber doch ausdrucksstarke Gestik, faszinierend. Wie gewohnt klassisch mit Johann Straus junior ging’s los, mit schwerer Kost wie „Absalom“ ging’s weiter – ein Stück, dem selbst Moderator Jürgen K. Groh „rhythmisch komplexe Stellen“ als erhöhte Schwierigkeiten attestiert.

Nach der bekannten „Annen-Polka“ von Johann Strauss führte die musikalische Reise von Österreich nach Spanien und Lateinamerika: „Besame mucho“. Keineswegs kitschig-schön, sondern schwungvoll und zugleich einfühlsam warb der Solist aus den Reihen des Orchesters, Andreas Groh, mit seiner Trompete um diesen Kuss.

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Eine Hommage an die Baleareninseln leitete über in das alte irische Volkslied „Auld Lang Syne“: „Nehmt Abschied, Brüder“, ließ bei den Zuhörern so manchen Schauer über den Rücken laufen, der sich inhaltlich auch bei „The Seventh Night of July“ fortsetzte. Die zarte und traurige Liebesgeschichte der Weberin und des Hirten konnte nur durch die schwungvolle „Petersburger Schlittenfahrt“ wieder neutralisiert werden. Dabei griff Laszlo Szabo dann zur Begeisterung der Zuhörer selbst zur Klatsche und steuerte damit das auffallende Knallen der Peitschen bei.

Ein Weihnachtslieder-Block – dankenswerter Weise ausschließlich mit sakralen Liedern – rundete ein schönes vorweihnachtliches Erlebnis ab. Doch Jürgen K. Groh wie auch der 06er-Vorsitzende Dieter Steuer konnten die Zuhörer aufs kommende Jahr vertrösten: dann feiert der Musikverein 06 vom 1. bis 4. Juli seinen 110. Geburtstag mit einem großen Zeltfest auf dem Urberacher Festplatz. Und das mit sehr viel Musik. Karten und Informationen dazu gibt’s unter www.musikverein-urberach.de

Quelle: op-online.de

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