Romanklassiker brav nacherzählt

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Schauspielerische Glanzarbeit: Nico Holonics schlüpft in verschiedene Rollen. Über zwei Stunden versteht er es, sein Publikum in unaufdringlicher Weise zu fesseln.

Frankfurt - Fast 800 Seiten stark ist Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“. Frankfurts Schauspiel-Intendant reduziert das Werk auf ein Solo für den Schauspieler Nico Holonics. Von Stefan Michalzik 

Ein gewisser Wow!-Effekt ist da praktisch immer mit eingebaut. Ein Schauspieler ganz allein auf der Bühne, über zwei Stunden lang! Oliver Reese, für die kommenden zwei Spielzeiten noch Intendant am Frankfurter Schauspiel, danach wechselt er ans Berliner Ensemble, hat für seine szenische Fassung von Günter Grass’ auf das Jahr 1959 zurückgehendem Romanklassiker „Die Blechtrommel“ anders als vor vier Jahren Armin Petras und Jan Bosse mit ihrem üppigen Spektakel bei der Ruhrtriennale in Bochum den Weg der Reduktion gewählt. Der Applaus für den Schauspieler Nico Holonics am Schluss der Premiere will kaum enden, tatsächlich macht er seine Sache in einer gewissen Art gut, unaufdringlich fesselnd zieht er einen in die Erzählung hinein.

Kunstfertigkeit allein kann es indes noch nicht gewesen sein. Man sollte sich von der schauspielerischen Glanzarbeit nicht blenden lassen. Den Roman - bald 800 Seiten - hat Reese auf eine Entwicklungs- und Familiengeschichte reduziert, samt der durch Volker Schlöndorffs Film berühmten Brausepulverszene (samt überflüssig-neckischer Brausegabe an Zuschauer in der ersten Reihe) als herzigem Moment einer ersten erotischen Erfahrung. Das historische Panorama der Zeit des Nationalsozialismus? Es klingt an, in der Art eines Randphänomens aber nur. Wie Schlöndorff hat sich Reese auf die ersten beiden der drei Teile beschränkt, mit Kriegsende ist Schluss.

Das Prinzip dieses Abends lautet - scheinbar - ganz konventionell: Der Schauspieler als unumstrittenes Zentrum auf der Bühne. Ihm wird der Boden bereitet für eine direkte Ansprache des Publikums: Bühnenbildner Daniel Wollenzin hat ein Podium vor das breitwandige Portal des Großen Hauses gesetzt, es ist mit Erde ausgelegt. Rechts klafft ein Keller- und Grabloch, ein übergroßer hölzerner Stuhl soll den Blechtrommler Oskar Matzerath, der an seinem dritten Geburtstag beschlossen hat, nicht mehr zu wachsen, nach alter Theaterart klein aussehen lassen.

Wie plastisch und unmittelbar, wie lebendig und mit welcher Emphase Nico Holonics alle Figuren spielt, teils mit nachäffend verstellter Stimme samt Dialekt, das erinnert an das Handwerk der Stand-up-Comedians. Wie bei diesen wird auch seine Stimme über ein Headset verstärkt. Ganz so puristisch, wie sie scheinen will, ist die Angelegenheit also beileibe nicht. Der Komponist und Sounddesigner Parviz Mir-Ali besorgt gar eine hörspielartige Klangoberfläche mit Downbeatsounds und situativen Beigaben von Akkordeon & Co. als Klangtapete.

Brav geht es durch die charakteristischen Szenen, von der Sprachgewalt des Romans bleibt allerdings wenig über. Wie Oliver Reese im November vergangenen Jahres vom damals noch regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit für den Posten des Intendanten am Berliner Ensemble vorgestellt worden ist, hat er programmatisch erklärt, er wolle das Haus mit seiner Brecht/Müller-Tradition wieder zu einem Autorentheater machen - eine Abkehr von der am deutschsprachigen Theater verbreiteten Adaptionen von Romanen und Drehbüchern, derer es auch unter Reese in Frankfurt viele gegeben hat. Dieser an der Motivfülle der Vorlage durch schiere Ignoranz gescheiterte Abend gibt seinem Sinneswandel gleichsam gegen sich selber recht.

Quelle: op-online.de

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