Urban Priol in der Jahrhunderthalle

Routinierte Verbalhiebe

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Urban Priol

Frankfurt - Die Haare stehen ihm ganz schön zu Berge, es ist sein optisches Charakteristikum. Das kann man natürlich auch sinnbildlich sehen. Es ist derart viel faul in der Politik - einfach haarsträubend. Von Stefan Michalzik

Immer wieder schnellt der Kabarettist Urban Priol in der von ihm bekannten, auf das erkennbare Vorbild Dieter Hildebrandt zurückgehenden Art ein paar Schritte nach vorn. Dieser vermeintliche Eifer des Gefechts wirkt inzwischen auffällig routiniert.

Mit einem Glas Weizenbier in der Hand kommt er auf die Bühne in der ausverkauften Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst. Auch dem lässt sich ein symbolischer Wert beimessen, selbst wenn das Bier, wie er später erklärt, ein alkoholfreies ist: Mit Blick auf den schlappmäuligen Humor lässt sich von einem Niveau des gehobenen Stammtischs sprechen. Das ist politisches Kabarett der alten Schule, hier werden ganz klassisch Politiker und Prominente nachgeäfft und deftig veralbert. Kohl ist „der Dicke“, Sarkozy „der gestauchte Giftzwerg“, Seehofer „der Quartals-Irre aus Ingolstadt, der Voralpen-Taliban“, Dobrindt „der mentale Einzeller“, Maschmeyer der „Rentenschänder“. Merkel - erfreulicherweise nicht mehr wie früher ärgerlich langjährig als „der Hosenanzug“ bezeichnet - ist „das unbefleckte Verhängnis“, das „Loipenluder“ und die „Volksanästhesistin“. Immer wieder wird zudem „der Deutsche“ parodistisch zitiert und als verzagter Trottel dargestellt.

Tagesaktuell ist natürlich der Anschlag von Paris samt den Reaktionen gleich eingangs ein Thema. Wer in einem kleinen Dorf in Bayern aufgewachsen ist, sagt Priol, dem brauche man über religiöse Fanatiker nichts zu erzählen. Da lasse er sich doch von „irgendwelchen Fusselbärten, die sich komische Windeln auf den Kopf setzen“ nicht aus der Ruhe bringen. Bemerkenswert erscheinen ihm indes die Begleiterscheinungen, etwa das Auftreten des für sein Eintreten für Demokratie und Pressefreiheit im eigenen Land nicht bekannten „Heuchlers aus der Türkei“ in der Reihe der Staatschefs auf der Demonstration in Paris oder der Umstand, dass ausgerechnet die AfD plötzlich ihr Herz für eine linke Satirezeitschrift entdeckt.

Einhelligen Szenenapplaus gibt es für den Vorschlag einer Anwesenheitspflicht für Bundestagsabgeordnete bei wichtigen Debatten - und im übrigen sollten die Saalordner ihnen am Eingang Handy & Co. abnehmen, auf dass sie nicht fortwährend hinein stieren und damit über ein signalisiertes Desinteresse an der Sache hinaus auch Kindern und Jugendlichen ein übles Vorbild geben. Meistens scheint Priol in einer solch banalen Weise recht zu haben, dass für einen ernstlichen Gewinn an Erkenntnis keine Handbreit mehr bleibt.

Am Ende, nach ungefähr drei Stunden mit Pause, stellt sich das Gefühl ein, es sei tatsächlich „alles“ zumindest anspielungshaft kurz angerissen worden. Sonderlich tief gedrungen Urban Priol aber nicht.

Quelle: op-online.de

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