Neue Stücke sind kein Kassengift

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2017 wechselt Oliver Reese ans Berliner Ensemble. Der Intendant hätte sich nicht träumen lassen, in Frankfurt so weit zu kommen. Schauspiel-Intendant Oliver Reese ist von der Theaterliebe des Frankfurter Publikums beeindruckt.

Frankfurt - Der Frankfurter Spielplan von Oliver Reese ist gespickt mit Adaptionen von Romanen und Drehbüchern. Bei seiner Vorstellung als Intendant des Berliner Ensembles offenbarte der 50-Jährige, er wolle das Haus zu einem Theater der Autoren machen. Von Stefan Michalzik 

Für das Theater geschriebene Texte sollen gespielt werden - und nicht Roman- oder Kinostoffe, offenbart Oliver Reese seine Pläne im Interview.

Ist das Berliner Ensemble ihr Wunschtheater gewesen?

Die Intendanz an einem Haus mit einer derartigen Geschichte - das ist ein Angebot, das man schwer ablehnen kann. Im Übrigen sind acht Jahre in Frankfurt eine gute Zeitspanne. Das Telefon hat geklingelt, ich habe mich nicht beworben, auch nicht in Wien übrigens.

Wie fällt Ihre vorläufige Bilanz für Frankfurt aus?

Ich hätte mir nie träumen lassen, dass wir in Frankfurt so weit kommen. Dass die Liebe des Publikums so groß ist. Im November hatten wir eine Auslastung von 95,3 Prozent. Die Leute gehen mit uns und interessieren sich auch für neue Inszenierungsformen.

Sind sie mit den Bedingungen in der Stadt zufrieden?

Man kann hier eine ganze Menge machen, das muss man sagen. Der finanzielle Rahmen ist bei meinem Antritt sicherlich optimaler gewesen. Die getroffene Vereinbarung mit der Stadt, der zufolge Schauspiel und Oper die aus den Tariferhöhungen für die Theaterbediensteten resultierenden Mehrkosten weitgehend erstattet bekommen, baut zusätzlichen Einsparungen vor. Die Grenze „Bis hierhin und nicht weiter“ ist aber mit den gegenwärtigen und bevorstehenden Sparmaßnahmen erreicht. Das Schauspiel hat eine riesige Bühne - und die frisst. Alles, was für diese Bühne konzipiert wird, ist erst einmal groß. Ich bin froh, dass es so viele Regisseure gibt, die Lust auf dieses große Theater haben und nicht Angst davor. Das erfordert viel kluges Handwerk, das ist kein Ort für Regietalente.

Frankfurt - Berlin: Wie stellt sich die Situation dar?

Die Situation in der Hauptstadt ist eine ganz andere. Es gibt kein Monopol, wie es die Position des Schauspiels hier in Frankfurt ist. Alles abzudecken macht großen Spaß. Man spielt für die Schüler, für das Repertoire, Klassiker, Uraufführungen, Projekte. In Berlin wird das anders sein. In Frankfurt muss man sich um alles kümmern, als geschäftsführender Intendant ist man auch für die Finanzen zuständig. Man ist eine öffentliche Person, die in der regionalen Kulturpolitik eine Stimme hat. Das ist Breitband, in jeder Hinsicht. Das macht Spaß, es ist aber auch ganz schön kräftezehrend. Das hätte ich vorher nicht gedacht.

In Frankfurt haben sie viele Roman- und Filmadaptionen in den Spielplan aufgenommen, wenig Uraufführungen zeitgenössischer Theaterautoren.

In den Kammerspielen zeigen wir oft Zeitgenossen und Uraufführungen. Auf der riesigen Bühne des Schauspielhauses lässt sich das aber tatsächlich kaum realisieren. Wir haben ein Problem in Deutschland: Uns fehlen die neuen Stücke fürs Große Haus. Es gibt viele interessante Autoren. Nis-Momme Stockmann, Felicitas Zeller, Edward Palmetshofer... Aber Stücke fürs Große Haus, Thomas Bernhard, Heiner Müller, Botho Strauß - diese Stücke sind sehr rar geworden. „Wir lieben und wissen nichts“ von Moritz Rinke haben wir fünfzig Mal spielen können. In den Kammerspielen, nicht auf der großen Bühne. Am Berliner Ensemble mit seiner kleinen Bühne wäre das gegangen. Das ist ein intimer, traditioneller Bau mit zwei Rängen und einer kleinen Bühne. Das komplette Gegenteil verglichen mit Frankfurt und seiner schmucklosen, riesigen Bühne. In Frankfurt muss man viel machen mit der Bühne, sonst sind die Schauspieler verloren.

Da funktionieren Stücke zeitgenössischer Dramatiker nicht?

Einen Stoff wie „Dogville“ vom Filmregisseur Lars von Trier - so etwas hat kein Dramatiker geschrieben. Das ist immanent theatral. Es hat ja auch kein Filmkritiker etwas dagegen, wenn ein Theaterstück verfilmt wird. Umgekehrt ist es legitim, Stoffe vom Film für das Theater zu übernehmen. Es ist aber kein Allheilmittel. Die Zuschauer gehen ins Kino, um neue Filme, neue Stoffe zu sehen. So etwas wie „Interstellar“, der neue Film von Christopher Nolan - ein Schreiber, der eine solche Geschichte erfindet: So etwas brauchen wir für das Theater. Wenn das in einer Stadt gelingen kann, dann in Berlin, wo sich ein Theater als eine von fünf Sprechbühnen spezialisieren kann.

Wo sollen sie herkommen, die neuen Stücke?

Man muss Autoren für das Theater gewinnen, die sich bis jetzt nicht dafür interessiert haben. Dem Theater sind ja sogar großartige Autoren verlorengegangen. Tony Kushner schreibt inzwischen viele Drehbücher. Gute Autoren landen beim Film oder Fernsehen, in den USA in der Regel bei den Serien. Ich wünsche mir, dass die Stücke so einen Suspense haben wie „Breaking Bad“. Die Autoren suche ich da, wo Romane oder Drehbücher geschrieben werden.

Die Leute gehen nicht zufällig zum Film. Da wird mehr bezahlt.

Ich habe nicht viel Geld zu bieten - nur Ruhm und Ehre. Das Berliner Ensemble hat aufgrund seiner Geschichte - Brecht, Heiner Müller, Uraufführungstheater der Dreigroschenoper - einen bedeutenden Namen. Besonders reich ist dieses Theater nicht.

Bedeutet das die Rückkehr des gut gebauten Stücks?

Nichts gegen well-made plays. Es gibt nicht viele davon. Aber ich wünsche mir keine Amerikanisierung des Theaters. Dem Theater sind die starken Figuren abhandengekommen, die Herausforderungen für die Schauspieler. Lotte Kotte aus „Groß und klein“ von Botho Strauß, der Theatermacher von Thomas Bernhard: Da interessiert mich: Wer spielt das?

Es stehen noch zwei Spielzeiten in Frankfurt aus. Präsentieren Sie verstärkt neue Autoren?

Das haben wir in den letzten Jahren doch schon getan, in den Kammerspielen. Inzwischen genießen wir einen Ruf als Autorentheater. Felicia Zellers „X-Freunde“, Moritz Rinke und „Die Opferung von Gorge Mastromas“ von Dennis Kelly haben wir jeweils über fünfzig Mal spielen können, die gehören zu den am meisten von anderen Theatern nachgespielten Stücken der vergangenen Jahre. René Pollesch arbeitet regelmäßig bei uns, im Februar kommt bei uns ein neues Stück von Falk Richter heraus. Für die kommende Spielzeit planen wir eine Uraufführung im Großen Haus. In der Box haben wir das Autorenstudio neu eingerichtet, da werden junge Autoren eng mit jungen Theaterleuten zusammenarbeiten.

Das Publikum nimmt zeitgenössische Autoren an.

Diese Stücke sind rammelvoll. Wir beweisen, dass neue Stücke kein Kassengift sein müssen.

Quelle: op-online.de

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