„Silent Noise“ in der Schauspiel-Box

Studie einer Depressiven

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Constanze Becker als Schriftstellerin Sylvia Plath, die sich auf der Höhe ihres Erfolgs das Leben nahm.

Frankfurt - Das Rätsel bleibt. An einem extrem kalten Wintertag Anfang 1963 hat sich die US-Schriftstellerin Sylvia Plath mit dreißig Jahren in ihrer Londoner Wohnung umgebracht, es ist ihr zweiter Versuch gewesen. Von Stefan Michalzik 

Kurz vorher ist ihr einziger Roman „Die Glasglocke“ erschienen. Bei der Kritik hat er höchstes Lob hervor gerufen, genau wie schon die Lyrikbände, mit denen sie früh zu einer weltweiten literarischen Anerkennung gelangt war. Der Freitod trug ein Übriges zum Status als „Kultautorin“ bei. Bis heute ranken sich die Spekulationen und Projektionen um ihr eng mit dem Werk verwobenes Leben, sie rief die Biografen mannigfach auf den Plan.

Die junge Regisseurin Laura Linnenbaum hat für die Box des Frankfurter Schauspiels im Zuge des Regiestudios den Abend „Silent Noise“ entwickelt. Der ist ziemlich buntscheckig. Er stützt sich auf Tagebuchaufzeichnungen und Briefe und auf Zeugnisse des Ehemanns Ted Hughes, mit dem Plath nach den Worten ihrer deutschen Übersetzerin Alissa Walser „zeitweise eine Art Kampfgemeinschaft gegen die Außenwelt“ gebildet hat.

Absichtlich wie Lena Meyer-Landrut?

Es ist das Phänomen der Gemütskrankheit Depression, dem Laura Linnenbaum nachzuspüren sucht. Sie hat die Form einer Revue gewählt, ein mit Glühbirnen besetzter Rahmen bildet das Portal der Bühne von David Gonter. Constanze Becker und Miriam Ströbel spielen mit blondgewellten Perücken und einer Anmutung der fünfziger Jahre - Kostüme: Michaela Kratzer - eine zweifache Sylvia Plath. Alsbald begegnet sie Ted Hughes, der in der Gestalt des schmalen Vincent Glander alles andere als jenes Mannsbild ist, als das er beschrieben wird.

Es passiert so allerlei. Miriam Ströbel singt eine R&B-Nummer als Karaoke und klingt dabei - absichtlich? - ähnlich wie Lena Meyer-Landrut. Possierlich synchron wird auf mechanischen Schreibmaschinen getippt. Puppen rotieren auf einem Vinylplattenspieler, die Bilder werden auf Videoflächen projiziert, hinter denen Hughes/Glander auch mal als Schattenriss auftaucht. Es gibt Housebeats und einen US-Schlager der fünfziger Jahre. Immer wieder befragt ein Psychiater - Timo Fakhravar - die Becker-Ausgabe der Plath, was ihrer Meinung nach nicht in Ordnung sei. „Es erscheint mir töricht“ - lautet eine Antwort, „mich an einem Tag zu waschen, wenn ich mich am nächsten wieder waschen muss.“

Höchste Perfektion

Von jungen Jahren an hat Sylvia Plath sich an ihren Ansprüchen aufgerieben. Sie wollte schier alles, und das in höchster Perfektion. Heiraten und Mutter sein, und eine berühmte Dichterin werden. In einer Szene steht es an, dass Plath’ Mutter zu Weihnachten anreisen wird. Wenn Constanze Becker mit der Axt in den Händen zum Türspalt hereinschaut, weil sie gerade eine Tanne fällt, dann ist das in seiner Komik ein wirkungsvolles Bild für das stete Bemühen, alles richtig machen zu wollen. Der Mutter muss ein glückliches Familienleben präsentiert werden.

Viel Spaß - mit diesen Worten, sagt Vincent Glander im kabarettistischen Prolog, könne man angesichts des Motivs die Leute schwerlich in das Stück schicken. Weshalb eigentlich nicht? Ein Schocktheater braucht bestimmt nicht die zwingende Form für eine Beschäftigung mit psychischen Erkrankungen zu sein. Tatsächlich hat der Abend „schöne“ Momente einer gewissen Leichtfüßigkeit. Womöglich hätte es angesichts der eingeschlagenen Richtung des Muts zu noch mehr - planvollem - Spaß gebraucht, um auf den Punkt zu kommen.

Nächste Aufführungen am 25. November, 9. und 30. Dezember. Karten: 069/21249494

Quelle: op-online.de

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