Museums-Jubiläum

Städels letzter Wille ging in Erfüllung

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Das historische Panorama zeigt Johann Friedrich Städels Wohnhaus am Frankfurter Rossmarkt.

Frankfurt - Die Stadt rüstet zum Jubiläum ihres „Städel Museums“, bestehend aus „Städelschem Kunstinstitut“ und „Städtischer Galerie“. Viele nennen ihren liebsten Kunsttempel weiter „das Städel“. Von Reinhold Gries 

Der aus Straßburg zugewanderte Bankier und Gewürzhändler Johann Friedrich Städel (1728-1816) hat es vor 200 Jahren per Testament ins Leben gerufen. Im Stiftungsbrief vom 15. März 1815 vermachte er Frankfurt seine Kunstsammlungen, sein Haus am Rossmarkt und eine Million Gulden. Damit legte er den Grundstein für Deutschland älteste bürgerliche Museumsstiftung.

Städels Wunsch, „dass das Kunstinstitut der hiesigen Stadt zur wahren Zierde gereichen und zugleich deren Bürgerschaft nützlich werden möge“, ist in Erfüllung gegangen. Seine Sammlung aus 500 Bildern vorwiegend deutscher, holländischer und flämischer Maler und seine Zeichnungen sind auf über 3000 Gemälde, 600 Skulpturen, 100.000 Zeichnungen und Grafiken sowie 4000 Fotografien angewachsen, die für 700 Jahre europäische Kunstgeschichte stehen. Das 2013 von Kunstkritikern zum „Museum des Jahres“ gewählte Städel erzielte 2012 einen Rekord mit fast 450.000 Besuchern. Die Bibliothek ist auf 115.000 Bände angewachsen, und die einst von Städel geforderte Ausbildungsstätte, die heutige „Städelschule“, hat einen guten Ruf.

Semper-Schüler Sommer baute heutiges Gebäude

Der Bau am Sachsenhäuser Mainufer ist nach Dresdner Vorbild entstanden.

Diese Erfolgsgeschichte war nicht abzusehen, als sich nach Öffnung des Testaments Administratoren mit Erbstreitigkeiten herumschlagen mussten. Erst 1828, nach einem Vergleich, konnte das Städelsche Kunstinstitut die Arbeit aufnehmen, das Haus am Rossmarkt erwies sich aber als zu klein. Man kaufte das Haus Vrints-Treuenfeld an der Neuen Mainzer Straße, ließ dessen ersten Stock mit Oberlichtsälen für die dichtgedrängte „Petersburger Hängung“ ausbauen, im Erdgeschoss lagen die Malateliers.

Zur Eröffnung 1833 war Maler Philipp Veit gleichzeitig Vorsteher der Malschule und Direktor der Galerie. Bei Neuankäufen – auch aus der Sammlung König Wilhelms II. der Niederlande – kam es zu neuem Streit über die Ausrichtung der Kunstpolitik. Veit trat zurück, unter Johann David Passavant wurde einiges besser, Ankäufe von Kunst aus Mittelalter bis Romantik hochkarätiger. Der große Befreiungsschlag gelang in der Gründerzeit, in der sich Frankfurts Einwohnerzahl vervierfachte. Semper-Schüler Oscar Sommer baute nach dem Vorbild des Dresdener Museums einen neoklassischen Bau ans Sachsenhäuser Mainufer, in dem man seit 1878 logiert. Der Kunstpalast, in dem man vom Tischbein-Großgemälde „Goethe in der römischen Campagna“ begrüßt wurde, geriet zum Vorbild für Frankfurts Oper, Börse und Hotels.

Gründung des Städelvereins

Um mehr Mittel für Gegenwartskunst zu erhalten, gründete Zeitungsredakteur Leopold Sonnemann 1899 den Städelschen Museumsverein, heute als fördernder „Städelverein“ 7600 Mitglieder zählend. Unter Direktor Georg Swarzenski wurde das Städel ab 1907 durch eine Städtische Galerie zur Moderne erweitert – nach Erstem Weltkrieg und Inflation mit Eckbauten, in denen der französische Impressionismus Platz fand.

Als man 1928 im Städel den Nachlass der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen ausstellte - die Museen des aufstrebenden „Neuen Frankfurt“ kauften dort kräftig ein - schlug Frankfurts Oberbürgermeister Ludwig Landmann vor, „nach dem Erwerb der Sigmaringer Sammlungen … und denkbar größter Rangerhöhung für alle Zeiten … dem Städel den Charakter eines deutschen Zentralmuseums zu verleihen.“ Stattdessen zog 1933 mit der NS-Machtergreifung der Ungeist in die Stadt ein, der Sammler wie jüdische Mäzene verfolgte. Swarzenski durfte Städel-Direktor bleiben, verlor aber durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ allein 77 moderne Gemälde wie Vincent van Goghs „Bildnis Dr. Gachet“.

Anbau und neue Konzepte

Rahmen eines Van-Goghs, 1938 als „entartet“ gebrandmarkt.

Nachfolger Ernst Holzinger verhinderte ab 1938 Schlimmeres, lagerte die Sammlung aus, bevor Städel-Türme als Flakstellung dienten und 1944 von Bomben getroffen wurden. Viel leistete Holzingers Team bei Wiederaufbau, Rückführung ausgelagerter und Rückgabe unrechtmäßig erworbener Kunst bis zur Wiedereröffnung des Städel am 9. November 1963. In Bauteilen setzte man schon 1947 mit einer Beckmann-Ausstellung erste Zeichen – mit Werken des für „entartet“ erklärten, mit Frankfurt verbundenen Weltmalers und Städel-Lehrer, der ins US-Exil geflüchtet war und dessen Werke bis heute im Städel Akzente setzen.

Bis zu seinem Tod 1972 gelang es Holzinger mit Städel-Förderern, verlorene Kunst zurückzukaufen und die Altmeister-Sammlung mit Werken des Frankfurter Renaissance-Meisters Adam Elsheimer zu stärken. Viel mehr Möglichkeiten für Sonderausstellungen gab es durch den 1990 an der Holbeinstraße eröffneten weißen Anbau. Parallel dazu sorgte Städel-Direktor Herbert Beck mit Renovierung und Neukonzeption im Altbau für Impulse, die unter seinem Nachfolger Max Hollein zum Quantensprung gerieten.

Mit Hilfe finanzkräftiger Partner und vieler Spender gelang es, mit dem Lichtkuppelbau unter dem Städel-Garten eine sehr großzügige Raumsituation für Gegenwartskunst zu schaffen, der auf der anderen Mainseite im Museum für Moderne Kunst als Konkurrenz gewertet wurde. Auch mit kraftvoller farblicher Umgestaltung und völliger Neupräsentation Alter Meister hat sich Hollein nicht nur Freunde gemacht. Hollein steht diesbezüglich in der Reihe seiner Vorgänger: Unumstritten war keiner, gestaltende Impulse setzten viele - mit fördernden und fordernden Bürgern. Denn „Frankfurt ohne Städel“, schrieb ein Kunsthistoriker 1912, „das wäre wie Florenz ohne Palazzo Pitti“.

Quelle: op-online.de

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