Das Frankfurter Goethe-Museum knüpft in über 90 Rembrandt-Originalen Bezüge zwischen Maler und Dichter

Stelldichein der großen Geister

Rembrandt, „Selbstbildnis mit Mütze, lachend“, 1630 © KSW

Frankfurt - Rembrandt mit seinen düsteren, oft von derben Gestalten bevölkerten Radierungen und der feinsinnige Goethe – auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Von Maren Cornils

Und doch verdeutlicht die aktuelle Schau im Goethe-Museum, was den deutschen Literaten am niederländischen Zeichner so sehr fasziniert hat.

Eine Faszination, die - was bei Goethe selten genug vorkam – zeitlebens anhielt. So widmete sich der Dichterfürst noch wenige Monate vor seinem Tod in seinem letzten Aufsatz zur bildenden Kunst ausführlich dem niederländischen Zeichner. Entsprechend groß ist die Zahl der Zitate, in denen der Dichterfürst sich auf Rembrandts Oeuvre bezieht.

Der Künstler war bereits mehr als 100 Jahre tot, als der junge Goethe sich erstmals intensiver mit Rembrandt auseinandersetzte, der das vom Sturm-und-Drang propagierte Genie-Ideal auf so wunderbare Weise verkörperte. Und wenn er in dieser Zeit kundtat, „ich lebe ganz wie Rembrandt“, dann war Goethe in guter Gesellschaft. Nach der überbordenden Pracht des Barock war Ende des 18. Jahrhunderts Natürlichkeit angesagt. Und wer verkörperte diese besser als der 1606 in Leiden geborene Künstler mit seinen realistischen Landschaftsdarstellungen, seinen ausdrucksstarken Charakterköpfen, Mimik-Studien, menschenreichen Bibelszenen.

Wie „in“ Rembrandt war und wie oft man versuchte, seinen Stil zu kopieren, zeigen Vitrinen mit Bildern von Frankfurter Malern wie Andreas Benjamin Nothnagel, Christian Georg Schütz, Johann Conrad Seekatz oder auch Johann Georg Trautmann. Die Nachahmungen ähneln den Originalen auf geradezu verblüffende Weise, so etwa Nothnagels „Mann mit federgeschmücktem Turban“, der gleich neben Rembrandts Radierung „Zweiter Orientalenkopf“ von 1640 ausgestellt ist. Selbst Goethes „Landschaft mit altem Turm“ aus dem Jahr 1769 muss sich dem Vergleich mit Rembrandts mehr als 110 Jahre zuvor entstandener „Landschaft mit viereckigem Turm“ (1650) stellen. Die Ähnlichkeit ist groß und zieht sich vom Motiv, einer auf einer Anhöhe gelegenen Ruine, bis zum Bildaufbau.

Aber auch rund 90 Rembrandt-Werke sind in Frankfurt zu sehen, darunter eine Vielzahl zigarettenschachtelgroßer Selbstporträts aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts, die einen etwas pausbäckigen, ernst dreinblickenden Lockenkopf zeigen, der sich in immer anderen Posen inszeniert.

Das Spektrum reicht von berühmten, kunstvoll ausgeleuchteten Nachtstücken wie „Hieronymus in einem dunklen Studierzimmer“ (1642) über detailfreudige biblische Szenen à la „Christus vertreibt die Geldwechsler aus dem Tempel“ (1635) bis hin zu häuslichen Szenen und der Darstellung des Landlebens. Landschaften mit Kanälen sind dabei ebenso zu finden wie Arbeiten, auf denen keine Adligen oder reichen Kaufleute, sondern Bettler, Bauern oder Greise die Protagonisten sind.

Andere Vitrinen widmen sich Goethes Auseinandersetzung mit dem Werk Rembrandts. So ist zu erfahren, dass der Dichter nicht nur die Dresdner Galerie besuchte, die einige Rembrandts ihr eigen nannte, sondern auch die Sammlung Landgraf Wilhelms des VIII. von Hessen-Kassel. Der Dichter unterstützte mit seinem Freund Johann Heinrich Merck auch Herzog Carl August beim Aufbau einer eigenen Sammlung. Für Goethe wie auch für den zeitgenössischen Physiognom Lavater war Rembrandt „Meister in Gesichtern von schlechten und zerrütteten Menschen“.

Diesen zwei Giganten gerecht zu werden, ist schwer. Dass Details wie Rembrandts Beziehung zu Alchimie oder auch die Auseinandersetzung beider Künstler mit dem Faust-Motiv nur kurz berührt werden, ist schade, aber – ob der Materialfülle – verständlich. Wäre die Ausstellung doch schon ohne die Verknüpfung mit Goethe mehr als sehenswert.

‹ „Goethe und Rembrandt der Denker“ bis 8. März im Goethe-Museum, Frankfurt, Großer Hirschgraben. Geöffnet: Montag bis Samstag 10-18 Uhr, Sonn- und Feiertage 10-17.30 Uhr.

Quelle: op-online.de

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