Verliebt in Schellack

Jo van Nelsen lädt zu Grammophon-Lesungen

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Geschichten erzählen, um aus der Geschichte zu lernen: Jo van Nelsens „Lametta, Gans und Siegerkranz“ ist politisch.

Frankfurt - Der Frankfurter Sänger und Moderator Jo van Nelsen hat ein neues Bühnen-Format entwickelt. Ab heute spürt er in seinen Grammophon-Lesungen vergangenen Zeiten nach. Von Detlef Kinsler 

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Bei Jo van Nelsen war beides wohl durchdacht. Im Jahr seines 25. Bühnenjubiläums, das er seit Januar mit seinem „Lampenfieber“-Programm und erstmals auf mit einer Jazzband feiert, hat der Sänger, Schauspieler, Moderator, Autor und Regisseur die Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Pianisten Thorsten Larbig beendet. Mit einem „Sag niemals nie“ auf den Lippen, neuerliche Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen. „Das ist gar kein Thema. Jetzt ist für uns beide aber wichtig, dass jeder mal wieder neue Impulse kriegt und neue Projekte verfolgt“, sagt Jo van Nelsen. Seines heißt „Grammophon-Lesung“, ein neues Format, so vermutet er zumindest. „Es gibt Leute, die machen Vorträge zum Grammophon. Verbunden mit einem künstlerischen Gedanken kenne ich das so nicht.“

Der Sänger als Erzähler und die Musik aus der „Konserve“. Wobei die kein Computer oder iPod ist, sondern ein wunderbar sinnlicher Plattenspieler, der Schellack abspielt. Die Liebe zu den schwarzen Scheiben ist eine alte. Als der kleine Jochen mal wieder seine Großeltern in Luzern besuchte, gingen sie zusammen in ein Restaurant. „Gegenüber war ein Antiquitätengeschäft. Da stand ein Koffer-Grammophon im Fenster, und ich habe meinem Großvater gesagt, ich wünsch mir nur das und nichts anderes. Er war schwer beeindruckt.“ Denn er hatte in den Zwanzigerjahren noch die Berliner Bühnen besucht. Dass der Elfjährige sich dafür interessierte, verblüffte den Opa.

Enkel bekam seinen Wunsch erfüllt

Na klar: Der Enkel bekam seinen Wunsch erfüllt. Zu Weihnachten. „Der Tisch bog sich unter Geschenken, aber weit und breit kein Grammophon“, drehte der junge Kerl schon enttäuscht ab. „Da hat Opa ganz zum Schluss gesagt, heb’ doch mal die Decke hoch. Und dann stand es unterm Tisch.“ Der Beginn einer ungebrochenen Leidenschaft. „Was mich nach wie vor fasziniert ist die einfache Technik, denn ich bin überhaupt kein Technikmensch“, erzählt van Nelsen. Vor allem die Musik aus den 20er, 30er und 40er Jahren weckte den Chansonnier in ihm. Zu seinen Lesungen - die Frankfurt-Premiere ist heute Abend um 20 Uhr in der Romanfabrik - bringt er sein Grammophon und seine Platten mit. Da er nicht nur die Ohren bedienen will, hat er viele alte Bilder und Postkarten aus der Vergangenheit dabei. Dafür nutzt er - wie profan - eine Powerpoint-Präsentation. Eine Laterna magica wäre dann doch des Guten zu viel gewesen.

„Lametta, Gans und Siegerkranz“ heißt die erste Grammophon-Lesung. Lametta und Gans lassen sich schnell mit der Adventszeit synchronisieren. Aber der Siegerkranz im Titel ist sperrig, stört, und lässt vermuten: Jo van Nelsen gönnt seinem Publikum im Freudentaumel zum Jahresschluss kein Winteridyll. Für die Auswahl seiner Texte und der Musik bemüht das Multitalent immer auch sein „kabarettistisches Auge“. Deshalb müssen die Fans mit Obskurem, Skurrilem, sogar Makabrem und Beklemmendem rechnen. Kennen Sie die Nazi-Fassung von „Es ist ein Ros’ entsprungen“? Sie werden sie ertragen müssen. Eine Botschaft des Abends ist nämlich, aus der Geschichte zu lernen. „Das Weihnachtsprogramm ist das politischste, was ich seit langem gemacht habe“, warnt van Nelsen augenzwinkernd. Der Hessische Rundfunk sendet übrigens eine 60-Minuten-Fassung am 2. Weihnachtsfeiertag um 12:05 und um 23:05 Uhr auf hr2 in der „Kulturszene“.

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Zwei weitere Grammophon-Lesungen sind schon in der Romanfabrik angesetzt. Am 12. März kommt „Die Schlangendame“ zu Gehör, Jo van Nelsen erinnert damit an das gleichnamige Werk von Otto Julius Bierbaum. „Ein wunderschönes, witziges Buch, das kaum noch einer kennt.“ „Ginster“ am 7. Mai widmet sich Siegfried Kracauers Roman. Dazu verspricht er ziemlich schaurige deutsche Märsche. „Etwas Besonderes, das auch für dieses Land etwas bedeutet hat, das darf man doch nicht vergessen“, erklärt van Nelsen seine Motivation, solche Kunst zu bewahren und Unbekanntes aufzutreiben. Für dieses Talent hat sein alter Pianopartner Thorsten Larbig ein passendes Lob parat: Der Jo, der sei ein Trüffelschwein.

Quelle: op-online.de

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