Werner Tübke und Michael Triegel

Leiden und Leidenschaft

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Werner Tübkes „Beweinung“ aus dem Jahr 1979 

Aschaffenburg - Ostdeutsche Künstler, die sich früher Beleidigungen aus dem Westen anhören mussten, sind bis in US-Museen verbreitet - allen voran Maler der „Leipziger Schule“. Warum das so ist, sieht man in Aschaffenburgs Kunsthalle Jesuitenkirche. Von Reinhold Gries 

Dort wird man überwältigt von Hauptwerken Werner Tübkes (1929-2004), eines Gründervaters der Leipziger Schule, wie von Tafeln seines Nachfolgers Michael Triegel, 1968 in Erfurt geborener Protagonist der „Neuen Leipziger Schule“. Erstmals vereint Kunsthallen-Leiterin Christiane Ladleif – in Kooperation mit der Kunsthalle Rostock und bedeutenden Museen - beider Werkreihen zur Gesamtschau.

Das 123 Meter lange Panorama „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ in der Rotunde des thüringischen Frankenhausen hat Tübke weltbekannt gemacht. Dieses Gemälde der Superlative mit 3 000 Einzelfiguren, zwischen 1976 und 1987 gemalt, setzt sich in Aschaffenburg fort. Nicht nur in dichtgedrängt figurierter, altmeisterlich gemalter „Vorfassung mit der Kogge“, „Schlachtberg 1525“ und der Via-Mala-Version „Ende der Narrengerichtsbarkeit“. Das beginnt 1957 düster wie bei „Tod in der Iller“, in Szene gesetzt nach realem Bundeswehrunglück, oder Brueghels Weltlandschaften verwandt wie in „Bauernmarkt in Samarkand“. Im fünf Meter breiten Tempera-Entwurf zu „Arbeiterklasse und Intelligenz“ sind 1971 Anklänge an DDR-Kunstdoktrin erkennbar.

Aber Tübke war kein „sozialistischer Realist“, er war sein eigener Souverän, zitierte, kombinierte und verwandelte frei aus riesigem Fundus zwischen Dantes „Göttlicher Komödie“, italienischer Renaissance, Watteau-Stil und deutschem Idealismus. Surreale Werke wie „Bildnis eines sizilianischen Großgrundbesitzers mit Marionetten“ „Tod in Venedig“ oder das Altarbild „Um Mitternacht“ scheinen aus der Zeit gefallen.

Malerei als doppelte Passion

Unbeirrt zieht Tübke seine Kreise zwischen den Jahrhunderten, lässt zwischen italienischem Maskenspiel, Altarbildern und Altdorfers „Alexanderschlacht“ das Blut kochen, Rüstungen glänzen, Gewänder flattern und Irrlichter funkeln. Darunter mischen seine Welttheater-Zeitsprünge Geisel-Erschießungen, Folter und Getümmel, Menschen in Badekleidung, artistische Kunstfiguren.

Tübke wusste, wovon er malte, seitdem er als 16-Jähriger sowjetische Folterhaft durchlitt: Malerei ist für ihn doppelte Passion, Leiden wie Leidenschaft. Zwischen modernen Kreuzabnahmen und Auferstehungen pflegt er den Hang zu Bildrätseln wie in „Der Narr und das Mädchen“ und „Happening in Pompeji“, wird nach 1989 in „Randerscheinung“ oder „Begräbnis im Gebirge“ transparenter und zeichnerischer.

Michael Triegels „Mysterium“ aus dem Jahr 2012

Auch Michael Triegel bedient sich bei Dantes visionärer Reise durch Inferno, Läuterungsberg und Paradies. Programmatisch wirkt sein „Doppeltes Selbstbildnis“ in der Art des Sonnenkönigs. Im persönlichen Umgang lockerer als Einzelkämpfer Tübke, macht auch er keine Kompromisse bei aus bis zu 20 Lasuren über Gipsgrund aufgebauten Tableaus. Solche Meisterschaft, gepaart mit unabhängigem Geist, musste 2010 auch der Vatikan anerkennen, als Triegels Porträt zu Papst Benedikt XVI. nicht gefällig blieb. Lange „suchender Atheist“, hat sich der Malerstar erst 2014 in Dresdens Frauenkirche taufen lassen.

Virtuoses Mysterienspiel

In der Apsis der Jesuitenkirche fasziniert seine Deutung des gespenstisch leeren Leonardo-Abendmahls, aus dem neben dem gesichtslosen Jesus alle Jünger gelöscht sind. Triegels Mischung aus metaphysischer Kombinatorik und Schönheit prägt nicht nur Werke wie „Mysterium“, „Ecce homo“ und „Flora“. Sein „Karfreitag 1300“ sorgte für Skandal, weil der Gekreuzigte völlig nackt ist.

Deutlich wird bei Triegels virtuosem Mysterienspiel zwischen antiker Mythologie, biblischer Geschichte und kühl-manieristischer Form- und Farbgebung der Einfluss des florentischen Renaissancemeisters Bronzino. Aber Triegel ist Kind unserer Zeit, lässt Akte wie Frauenfiguren selbstbewusst ihre Rollen zwischen Madonna und Femme fatale, antiker Göttin und Verführerin wechseln. Auch wie er „Adam und Eva im Paradies“ und die „Schlafende Ariadne“ ins Heute wirft oder Wolfgang Joops Porträt und die blumengekrönte Ophelia in die Zeitlosigkeit, öffnet weite Felder der Malkunst.

„Werner Tübke - Michael Triegel“ vom 24. Januar bis 19. April in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, Aschaffenburg, Geöffnet: Dienstag 14-20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10-17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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