„Helden“ in Frankfurts Schauspiel-Box

Wohlbehütet und brandgefährlich

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Judith (Paula Skorupa) und David (Carina Zichner) als Geschwisterpaar, das nachts in der Stadt Feuer legt.

Frankfurt - Die Eltern machen alles richtig. Zumindest beanspruchen sie das, in einem notorischen Maß. Verständnis lassen sie ihren Kindern ohne Ende angedeihen. Im aufgeklärt bürgerlichen Haushalt mangelt es an nichts. Von Stefan Michalzik

Eine erdrückend wohlbehütete Jugend - derweil die Welt da draußen eine andere ist. Die junge Regisseurin Mizgin Bilmen hat im Zuge des Regiestudios in der Box des Frankfurter Schauspiels das Stück „Helden“ des Österreichers Ewald Palmetshofer inszeniert. Die Helden, das sind die Geschwister Judith und David. Paula Skorupa gibt Judith als mürrisch-pausbäckiges Mädchen mit Aussicht auf eine zickig-attraktive Diva, die knabenhafte Carina Zichner den David als mageren, blassen Jungen. Sie spielen in einem fensterlosen Raum, die Bilder werden auf durchsichtigen Stoff projiziert und auf der rückwärtigen Wand gedoppelt.

Zichner spricht zudem die Stimme der Mutter, man fühlt sich an ein therapeutisches Rollenspiel erinnert - und ein Therapeut ist schnell bei der Hand, wenn es in der Wohlstandsidylle mal nicht so rund läuft. Die Dialoge drehen sich in knappen Worten um Weltüberdruss und Wut. Die Geschwister fantasieren sich in die Rollen der Superhelden Spiderman und Catwoman. Prototypisch stehen sie für die medial so etikettierte Generation Y der heute 15- bis 30-Jährigen, die aufgewachsen sind mit den Erfahrungen der Anschläge vom 11. September 2001, der vom Neoliberalismus entfesselten Globalisierung und dem Wandel der Arbeitswelt zu einem Zustand der immerwährenden existenziellen Unsicherheit, mit Kriegen, Fukushima und der Finanzkrise.

Mittel des Theaters

Von den Mitteln des Theaters rückt Mizgin Bilmen ab. Der Blick der Kamera schafft eine Spannung aus Distanz und mikroskopischer Nähe, wie sie das Theater schwerlich herstellen kann. An einem Pult an der Seite der Bühne berichtet zwischendrin Lukas Rüppel als Nachrichtensprecher von Terroranschlägen in der Stadt. Nächtens werfen David/Spiderman und Judith/Catwoman Molotowcocktails in Kaufhäuser. Nach langer Zeit entern Judith und David leibhaftig die Bühne und fesseln den Sprecher an seinen Sessel. In dieser personell von sechs auf drei Köpfe reduzierten Inszenierung ist er verschmolzen mit Paul, dem zeitweiligen Geliebten von Judith, der sich in das System eingefügt hat, dem das Geschwisterpaar in seinem Hass Zunder gibt.

Den originalen Schluss des 2009 uraufgeführten Stücks hat Mizgin Bilmen gekappt. Bei Palmetshofer lassen die Geschwister das Thermalbad hochgehen, in dem die sich die Eltern während eines Wellness-Wochenendes gerade aufhalten. Bilmen pfropft einen Epilog auf, der im Programmheft besser aufgehoben wäre. Am Ende bleibt ein Gefühl von Halbheit, von interessanten Ansätzen, die nicht ausgegoren sind. Nächste Vorstellungen am 23. Dezember sowie am 17. und 18. Januar. Karten gibt es unter 069 21249494.

Quelle: op-online.de

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