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Lehrer wollen Geschichte erlebbar machen: Besuch an der Offenen Schule Babenhausen

Keine Ostalgie aufkommen lassen

124.06.09|Babenhausen|Babenhausen|
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Artikel: Keine Ostalgie aufkommen lassen

Babenhausen - Fabian kriegt den Mund kaum zu. Und auch sonst hört man außer dem Knacksen der Holzklappstühle im Chemieraum nicht viel an Nebengeräuschen. Die Neuntklässler der Offenen Schule schauen voll, konzentriert nach vorne. Von Kathrin Rosendorff

© Foto: Rosendorff

Jutta Fleck, die „Frau vom Checkpoint Charly“, erzählt den Schülern der OSB ihre Geschichte.

Kein Experiment mit blubbernder Flüssigkeit ist der Grund ihrer Aufmerksamkeit. Sondern eine blonde 62-jährige Frau, die mit sanfter Stimme erzählt: Von der Ungerechtigkeit, die sie erlebte, weil sie Freiheit für sich und ihre Kinder wollte. Jutta Fleck heißt sie, bekannt geworden ist sie als Jutta Gallus, noch bekannter ist sie unter dem Namen „Die Frau vom Checkpoint Charly“.

Diese erzählt den Gymnasiasten, wie sie versucht 1982 aus der DDR zu fliehen, sie dabei verraten wird und ihr als Strafe ihre beiden Töchter Beate und Claudia entrissen werden. Drei Jahre muss sie ins Gefängnis, dann wird sie von der Bundesrepublik freigekauft. Erst sechs Jahre später, da lebt sie schon in Westdeutschland, sieht sie ihre Kinder wieder. Lange hat sie für deren Freilassung gekämpft: Sie demonstrierte in Helsinki bei der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und sie stand, mit Plakat am Checkpoint Charly, dem berühmt-berüchtigten Grenzübergang zwischen Ost und West.

„Für unsere Schüler ist die DDR fast so weit weg wie das Mittelalter“, erzählt Geschichtslehrer Jan Willand. „Der diktatorische Charakter der DDR wird heutzutage oft und gerne verwischt und übrig bleibt nur noch ein verklärtes Ostalgie-Bild, bei der die DDR als ganz gutes Staatswesen dargestellt wird“, sagt sein Kollege Karl Zirbs. Auf einem Lehrgang in Berlin zum Thema „Unterdrückungsorgan DDR“ lernte er Jutta Fleck kennen. „Sie erklärte sich bereit, zu uns nach Babenhausen zu kommen und unseren Schülern ihre Geschichte zu erzählen“, sagt Zirbs.

Beide Lehrer betonen, wie viel mehr Eindruck Zeitzeugen auf die Schüler machen, als bloße Fakten und Zahlen in den Geschichtsbüchern. „Wir wollen Geschichte so erlebbar wie möglich gestalten“, sagen sie. Deshalb waren die Schüler auch schon beim Thema Zweiter Weltkrieg vor zwei Monaten im KZ Buchenwald. Da ein Teil der Gymnasiasten schon die Verfilmung des Buches „Die Frau vom Checkpoint Charly“ mit Veronica Ferres in der Hauptrolle gesehen haben, sei es für sie ein bisschen, als ob ein Popstar persönlich vorbeikäme.

Es ist nicht das erste Mal, dass Jutta Fleck, die in Wiesbaden lebt, Schulen besucht. Am liebsten würde sie nur das machen, doch nebenbei muss sie Geld verdienen, erzählt sie. „Es ist mir wichtig aufzuklären“, sagt Fleck. „Für die meisten Schüler, dieja erst nach der Wiedervereinigung geboren sind, ist es schwer vorzustellen, was die DDR überhaupt war. Dass man dort erst einen Antrag stellen musste, wenn man Möbel oder ein Auto brauchte, und dann darauf dann auch noch 15 Jahre warten musste. Das ist für sie wie böhmische Dörfer“, betont sie.

Dann hebt ein Mädchen den Arm: „Sie haben immer weitergekämpft. Haben Sie denn nicht irgendwann gedacht, so jetzt, geht es nicht mehr weiter, ich geb auf?“ „Nein, sagt Fleck und lächelt. „Da hätte ich ja vor mir selbst kapituliert und die anderen gewinnen lassen.“ Fabian ist von so viel Mut beeindruckt.

Quelle: op-online.de

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