Weg mit den Prognosen

Kommentar: Deutsche gehen wieder früher in Rente

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Gelobt sei die Vereinfachung: Regelmäßig wird die Rente zum Thema erkoren, regelmäßig wird mit Blick auf die demografische Entwicklung eine Nachjustierung am System gefordert und ebenso regelmäßig diskutiert die Nation dann immer wieder eine Reihe von Zahlen: Erst 65, nun 67, wenn´s nach der Bundesbank geht, vielleicht bald 69 Jahre - das Alter für den geregelten Einstieg in den Ruhestand steigt. Von Frank Pröse 

Diese Tendenz ist bei nahezu allen Szenarien jeglicher Couleur und ungeachtet utopischer Prognosezeiträume (zuletzt bis 2060!) gleich. Und immer erhebt sich ein Sturm der Entrüstung ob der Lasten, die dem in diesem Zusammenhang stets bemühten Dachdecker zugemutet würden. Im wirklichen Leben aber scheren sich die Deutschen nicht um Prognosen und gehen einfach früher in den Ruhestand. Wer es sich leisten kann. .

Dem derzeitigen System tut dieser Hang zur frühzeitigen Rente nicht gut, zugleich kann es weder mit den bisher eingeleiteten Maßnahmen noch über die von Bundesbank und Wirtschaftsforschungsinstituten geforderten späteren Einstiege in den Ruhestand den zu erwartenden Erfordernissen gerecht werden. Eine Reparatur nach diesen Mustern ist zu defensiv, das zeigt schon allein die sich abzeichnende neue Realität in der Arbeitswelt. Dass die lebenslange Vollbeschäftigung angesichts des Arbeitsplätze fressenden Produktivitätsfortschritts der Vergangenheit angehört, dürfte Allgemeingut sein. Dass die digitale Revolution den gesamten Arbeitsmarkt durcheinanderwirbeln und das Heer der Verlierer vergrößern dürfte, ebenso. Wie sollen so die verlangten 49 Jahre ununterbrochene Vollbeschäftigung zusammenkommen? Der Generationenvertrag heutiger Prägung ist also nicht zukunftssicher - auch weil Ausfallzeiten wegen Fort- und Ausbildung zunehmen werden.

Die Renten-Rettungspläne von heute, das spätere Renteneintrittsalter und die höheren Beitragssätze bei zugleich sinkendem Versorgungsniveau, sie taugen allenfalls als Flickwerk, um aktuell das Schlimmste zu verhindern. Warum fragt niemand, warum noch ein allgemeingültiges Renteneintrittsalter festzulegen ist und wieso nicht alle so lange so produktiv wie möglich arbeiten, um mit selbst erwirtschaftetem Einkommen so zu leben, wie es der eigenen Lebensplanung entspricht. Der Sozialstaat könnte sich ja darauf beschränken, allen gleichermaßen das Existenzminimum zu sichern - unabhängig von Alter und Beitragsjahren.

Zukunftsforscher fordert neue Reichtums-Definition

Die Fokussierung aufs längere Arbeiten setzt doch voraus, dass es Arbeitsplätze gibt. Aber Jobs für 68-Jährige gibt es heute schon nicht. Überhaupt nimmt dieses wenig kreative Immer-länger-arbeiten-Modell keine Rücksicht auf die, die nicht mehr leistungsfähig sind. Außerdem wird immer noch nicht ernsthaft darüber diskutiert, dass unser System auch deshalb unzureichend alimentiert ist, weil erstens zu wenige darin einzahlen und die Kassen für gesamtgesellschaftliche Ausgaben geplündert werden.

Es ist Zeit, das regierungsamtliche Schönreden unangenehmer Fakten zu beenden. Die Datenbasis für die Diagnose ist eindeutig. Danach rückt die Realität näher an die unheilvollen Prognosen. Letztlich wird das System nur über eine Einheitsrente oder über Mindestrenten oberhalb der Armutsgrenze einerseits sowie und Maximalrente andererseits zu retten sein. Welcher Politiker aber überbringt derlei Botschaften und lässt sich dafür köpfen?

Quelle: op-online.de

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