Mit Bauch oder mit Kopf?

Kommentar vor dem Referendum

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Frank Pröse

Offenbach - Der drohende Brexit beherrscht die Nachrichten. Die Nervosität steigt, vor allem wegen der drohenden finanziellen Unwägbarkeiten einer Abstimmung nach Bauchgefühl. Es geht um Europa, da verlieren die Briten schon gerne mal den Kopf. Von Frank Pröse 

Und während bei diesem Referendum gefühlte Fremdbestimmung durch Brüssel vermengt wird mit britischem Patriotismus und ausgeprägtem Sinn für Souveränität, wird weltweit schon die nächste Finanzkrise heraufbeschworen. Ausgeschlossen ist das nicht. Viele professionelle Schwarzseher unken eigennützig, bereiten sie doch nur das Geläuf für ihre Strategien vor, für die sie unglaublich viel Geld zur Seite gelegt haben, um im Falle jedes Falles bei den Gewinnern zu sein. Dieses Spiel können freilich nur die ganz Großen spielen.

Natürlich geht es beim britischen Referendum ums Geld. Aber es geht auch um die Anerkennung eines einzigartigen Beispiels für Friedfertigkeit unter Nachbarn, die trotz aller Pluralität auf von allen anerkannte gemeinsame Werte zurückzuführen ist. Dafür lassen sich dann auch die oft kritisierte überbordende EU-Bürokratie, fehlende Demokratie und Kontrolle der Handelnden, Trägheit und widersinnige Subventionitis hinnehmen, zumal das alles ja nicht in Stein gemeißelt bleiben muss.

Als die Briten in der Gemeinschaft aufgenommen wurden, da lagen sie am Boden. Mithilfe von Kontinentaleuropa sind sie wieder auf die Beine gekommen, haben die EU dabei als reine Wirtschaftsunion missverstanden und wählen jetzt, nachdem sie alles abgegriffen haben, vielleicht die Isolation. Wobei sich schon die Frage stellt, ob die Briten mit ihrer Skepsis gegenüber der Politik auf dem Kontinent jemals in Europa angekommen waren. Fest steht: Beim Geld hört die Freundschaft auch in der EU auf. Zusammenhalt lässt sich eben nicht kaufen. In der Regel fehlt dann die emotionale Bindung ebenso wie die Berücksichtigung lokaler Befindlichkeiten. Den Briten geht es aber nur um wirtschaftliche Vorteile, die EU haben sie nie als politisches Projekt begriffen.

Briten-Referendum lässt EU-Parlamentarier zittern

Genau in diesem Segment liegen die Chancen für eine potenzielle Rest-EU, denn erstens fiele bei einem Brexit mit der Regierung in London einer der größten Blockierer weg. Der Ausstieg Großbritanniens könnte für die EU wie ein Neubeginn wirken, denn damit würden sich in der Gemeinschaft vollkommen neue politische Chancen in der Steuer-, Sozial- und Außenpolitik eröffnen. Der Schock könnte also heilsam sein und eine Debatte befruchten, die viele für überfällig halten. Manchmal ist eine Scheidung die Erlösung, weil besser als ein Nebeneinander in einem Europa à la carte, in dem sich jeder nur das vom Tisch pickt, was ihm Vorteile verspricht.

Was aber passiert, wenn die Briten für einen EU-Verbleib stimmen? Die EU würde erst einmal neue Gesetze erhalten, die London im Februar als Zugeständnisse von Brüssel abgepresst hatte. Es dürften wegen des belasteten Verhältnisses zu Brüssel bis auf weiteres die letzten Extrawürste sein, die sich London wird braten lassen können.

Quelle: op-online.de

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