Ein globales Pulverfass

Kommentar: Soziale Ungleichheit steigt

Es ist zum Verzweifeln: Seit Jahren berichten wir in den Medien regelmäßig über Studien angesehener Organisationen und Expertengremien zu Armut und Reichtum auf dieser Welt, in Europa und auch bei uns in Deutschland. Das immer wiederkehrende Fazit dieser Untersuchungen: Die Schere zwischen armen und reichen Menschen geht immer weiter auf, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Von Siegfried J. Michel

Siegfried J. Michel

Geldvermögen und sonstige Schätze auf unserem Planeten sind so dramatisch ungleich verteilt, dass sich durch diese schon pervers zu nennende Schräglage ein globales Pulverfass gebildet hat, an dem schon mehrere Lunten munter vor sich hin brennen. Haben die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bisher etwas dagegen getan? Wurden Entscheidungen getroffen, die – wie man im Politikersprech gerne sagt – nachhaltig sind, um dieses Schiff in bedrohlicher Schräglage wieder aufzurichten. Nein! Gerade erst wird dies wieder durch eine Studie der Bertelsmann Stiftung über die Zukunftsfähigkeit der 41 Industrienationen in der OECD und der EU belegt. Fazit: Die soziale Ungleichheit wächst, das Armutsrisiko – auch bei uns in Deutschland – ist weiter gestiegen. Und die Experten warnen: Die Probleme hätten sich in den vergangenen zwei Jahren „teils dramatisch zugespitzt“. Kurzer Blick zurück: Vor rund eineinhalb Jahren prognostizierte die Hilfsorganisation Oxfam, im Jahr 2016 werde das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Tatsächlich aber wurde diese Schwelle laut Oxfam noch im Jahr 2015 erreicht. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst damit also noch schneller als erwartet. Das ist angesichts der zunehmenden Armut schon widerlich – und erschreckend zugleich.

Denn die üblen Folgen dieser „Nur-weiter-so-Politik“ sind inzwischen unübersehbar. Armut, Ungleichheit und Ausbeutung sind Gründe für Revolten und letztlich auch für Kriege. Hunger, erbärmliche Zukunftsperspektiven und bewaffnete Konflikte lassen Millionen von Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Und inzwischen kommen sie zu Hunderttausenden – was zu erwarten war – auch nach Europa. Bei den Armen und Benachteiligten hier wächst die Angst, dass sie wegen der Flüchtlinge im allgemeinen Verteilungskampf noch mehr unter die Räder kommen. All das ist reichlich Wasser auf die Mühlen nationalistischer Populisten, mögen sie Frauke Petry, Marine Le Pen, Viktor Orbán etc. oder über dem großen Teich Donald Trump heißen. Deren Lösungen – Rückzug auf Nationalstaats-Interessen, Mauern bauen – hören sich schön einfach an und kommen deshalb in dieser immer komplexer werdenen Welt – leider – bei vielen Menschen an. Neue Grenzzäune und Abschottung in einer wirtschaftlich völlig verflochtenen Welt? Das würde so sicher in die Hosen gehen wie das Amen in der Kirche kommt. Doch mögliche Folgen eine Petry-Pen-Trump-Politik sind für die Menschen, die am unteren Ende der Gesellschaften klarkommen müssen, jetzt nicht sichtbar und weit weg, sie wollen schnell Lösungen – und sie wollen es „Denen-da-Oben“, den alten Eliten, endlich mal zeigen.

Sozialverband: So viel Arme in Deutschland wie noch nie

Wenn die, die da jetzt Verantwortung haben – ob in Politik oder Wirtschaft – es nicht begreifen, was da auf sie zurollt, wenn sie das Grundübel nicht bei der Wurzel packen, werden viele von ihnen – und uns Bürgern – alsbald in einer gar nicht „Schönen-neuen-Welt“ aufwachen.

Quelle: op-online.de

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