Kinderschutz

Kommentar: Chronisch unterentwickelt

Die Opfer sind meist Säuglinge und Kleinkinder – die Täter sind fast immer die Eltern oder die neuen Lebenspartner. Von Peter Schulte-Holtey 

Weil das Verbrechen oft in den eigenen vier Wänden verübt wird und die Kinder zu klein sind, um sich zu äußern, ist die Dunkelziffer bei Kindesmisshandlung besonders hoch. Jeder grausame Fall, der dann aber doch bekannt wird, gleicht einem Aufschrei, sich endlich mehr für Kinder zu engagieren und Zeichen zu setzen.

Trotz des seit 16 Jahren gesetzlich verankerten Rechts auf eine gewaltfreie Erziehung und auch nach Einführung des Kinderschutzgesetzes vor fünf Jahren, das unter anderem frühe Hilfen für Eltern vorsieht, wird beim Blick auf Statistiken und Untersuchungen deutlich, dass entscheidende Verbesserungen beim Schutz von Kindern und Jugendlichen noch nicht erreicht worden sind. Die Koblenzer Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann bezeichnete Gewalt gegen Kinder in Deutschland gar als „Alltagsphänomen“. Der Alarmruf der Kinderärzte ist also verständlich.

Warum wird auf diese traurige Entwicklung nicht mit größerer Energie reagiert? Wie weit muss es denn noch kommen, dass unsere Politiker wachgerüttelt werden und realisieren, dass bei der Überwachung des Erziehungsauftrags viel mehr getan werden muss? Der Kinderschutz ist doch weiterhin chronisch unterentwickelt.

Wenn Lösungsansätze gesucht werden, ist zu Recht immer wieder von Zwang und Vater Staat die Rede. Und es stimmt ja auch: Wenn der elterliche Instinkt schon so weit verkümmert ist, dann müssen Eltern eben genauer beobachtet werden: spontane Stichprobenbesuche zu Hause, die Pflicht-Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen, besser ausgestattete Jugendämter ... Das wären Mittel, um Misshandlungen der Schwächsten besser zu bekämpfen.

Aber selbst wenn es genügend Staatsbedienstete in deutschen Jugendämtern gäbe, die sich kümmern könnten, ohne Hinweise von Zeugen ist es in vielen Fällen schwierig oder sogar unmöglich, einem Kind zu helfen. Damit ist ein Auftrag, ein Appell verbunden: Vielleicht ist das Elend ja nicht täglich auf der Straße zu sehen, die Gewalterfahrung vieler Kinder in ihren Familien nicht leicht zu erkennen. Aber wer es wissen will, wer genauer hinguckt – zum Beispiel als Nachbar, Verwandter oder Pädagoge in Kindertagesstätten und Schulen – kann es mitbekommen. Kinderschutz ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft.

Quelle: op-online.de

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