Was ein Chefarzt nach dem BGH-Urteil empfiehlt

Patientenverfügung: Vertreter benennen“

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Kaum jemand denkt gerne über seinen Tod nach, oder über Geschehnisse, die einen handlungsunfähig machen. Patientenverfügungen sollen in solchen Situationen dafür sorgen, dass die Wünsche des Patienten respektiert werden. - Foto: dpa

Offenbach - In einer Patientenverfügung können Menschen regeln, wie lange die Ärzte sie bei schwerer Krankheit oder nach einem Unfall am Leben halten sollen. Aber die Gewissheit über das eigene Schicksal kann trügerisch sein, wie die jüngste Entscheidung des Bundesgerichtshofs zeigt. Von Peter Schulte-Holtey

Privatdozent Dr. Stephan Sahm: „Eine Patientenverfügung ist fast immer ungenau. Am besten ist es, einen Vertreter in Gesundheitssachen zu benennen.“

Patientenverfügungen müssen nach dem Gerichtsbeschluss genau und konkret sein. Was heißt das genau, was sollte jetzt beachtet werden? Nachgefragt bei Privatdozent Dr. Stephan Sahm. Er ist Chefarzt und Krebsspezialist des Ketteler Krankenhauses in Offenbach; zudem ist er Experte für Medizinethik.
Dem BGH ist die Formulierung „lebensverlängernde Maßnahmen“ nicht konkret genug. Nach Auffassung der Karlsruher Richter lässt sich daraus weder eine bestimmte Form der Behandlung ableiten noch der Wunsch zu sterben. Wie gehen Sie im Klinikalltag mit solchen Zweifelsfällen um – ist denn dann immer wieder ein Gericht gefragt? Gottlob ist es fast nie notwendig, einen Richter zu befragen. Im aktuellen Fall ging es ja darum, dass Patientenvertreter, Angehörige der Patientin, sich nicht einig waren, was denn der Wille der Mutter sei. Und die Patientenverfügung war nicht eindeutig. Nun muss man wissen, Patientenverfügungen sind fast niemals eindeutig. Daher muss man stets mit den Vertretern der Patienten, den Angehörigen, den Bevollmächtigten oder Betreuern sprechen, was denn im Blick auf eine aktuelle Behandlungssituation gemeint sein kann. Wenn man mit den Vertretern der Patienten spricht, Ihnen aber auch gut zuhört, gelingt es praktisch immer, ein Einvernehmen herzustellen. Dann braucht es keinen Richter, und schon gar nicht ein hohes Gericht wie den Bundesgerichtshof.

Wenn Sie mit den Angehörigen in diesen Extremsituationen sprechen, fragen Sie dann auch bei Unklarheiten zum Beispiel: Hat der Todkranke in der Vergangenheit Dinge gesagt, aus denen sich etwas ableiten lässt? Wie kommen Sie als Arzt an dieser Stelle zu einer Entscheidung?

Ja, wir fragen, was die Vertreter der Patienten über die Betroffenen wissen, über deren Einstellung zu den Fragen einer lebenserhaltenden Therapie, etwa einer künstlichen Ernährung. Oft sind die Antworten aber nicht eindeutig. Daher plädieren wir dafür, dass Ärzte bei Fortschreiten einer Erkrankung bereits mit den Betroffenen und Angehörigen erörtern, welche Behandlungen denn als sinnvoll angesehen werden. Da in den hochentwickelten Ländern die große Mehrheit der Menschen an einer chronischen Erkrankung verstirbt, kann das fast immer vorab besprochen werden. Im Jargon der Mediziner heißt das, einen umfassenden Vorsorgeplan zu erstellen. Oft auch „advance care planning“ bezeichnet. Dort wird schon entschieden, ob eine Intensivtherapie als sinnvoll erachtet wird. Gleichzeitig gilt aber, wenn eine Behandlung bei einem Patienten als sinnvoll und nützlich angesehen wird und seitens des Patienten nicht bekannt ist, dass er eine Behandlung ablehnt, dann muss man sie durchführen. Dann haben Ärzte dem Leben zu dienen. Auch darauf müssen sich Patienten verlassen können.

Was raten Sie denn jetzt? Wie genau muss denn eine Patientenverfügung tatsächlich formuliert sein, was ist zumutbar und praxistauglich? Wie bewerten Sie die Vordrucke aus dem Internet?

Eine Patientenverfügung ist fast immer ungenau. Denn die Medizin, die gesundheitliche Situation eines Patienten, ist zu komplex, man kann das meist nicht vorhersehen. Am besten ist es, einen Vertreter in Gesundheitssachen zu benennen. Der kann dann mit den Behandlungsteams erörtern, welche Maßnahmen noch dem Willen der Betroffenen entsprechen. Das ist die beste Lösung. Es wäre wichtig, den Menschen zu sagen: benennt einen Vertreter. Man braucht nicht einmal einen Notar. Es gilt die geschriebene Bevollmächtigung.

Pflegekurse erleichtern die Versorgung der Lieben

Wer über eine Patientenverfügung verfügt, jetzt aber Zweifel hat, ist in der Zwickmühle. An wen sollte er sich wenden – wer kann beraten?

Es gibt heute Beratungsstellen, die Hilfestellung anbieten. Aber das Beste ist es, dieses Thema mit dem Hausarzt zu besprechen, der die Patienten und deren Krankengeschichte kennt. Und der versteht ja gleichzeitig etwas von der Medizin.

Quelle: op-online.de

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