Großer Handlungsbedarf

Studie: Arbeitsmarkt braucht jährlich 533.000 Zuwanderer

+
Der Dachdecker Emre Eren kontrolliert am 29.08.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Dach eine Solaranlage.

Gütersloh/Berlin - Ohne Zuwanderung würde die Zahl der Erwerbsfähigen hierzulande um mehr als ein Drittel zurückgehen. Um die Lücke zu schließen, muss Deutschland gerade für Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern attraktiver werden, raten Experten.

Deutschland ist einer neuen Studie zufolge spätestens in zehn Jahren auf mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen als bisher. Nur wenn langfristig durchschnittlich 533 000 mehr Menschen pro Jahr zu- als abwandern, lasse sich die Lücke füllen, die durch das Ausscheiden der in den 50er und 60er Jahren geborenen „Babyboomer“ aus dem Beruf entstehe. Das ermittelten Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie der Hochschule für angewandte Wissenschaften (Coburg) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

Im Schnitt der vergangenen 60 Jahre kamen aber nur 200 000 mehr Menschen als weggingen. In ihrer am Freitag vorgestellten Studie rechnen die Arbeitsmarktforscher vor, dass die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter ohne Zuwanderung von heute rund 45 Millionen auf 29 Millionen im Jahr 2050 sinken würde - ein Rückgang um 36 Prozent. Der Hauptgrund: Die Generation der geburtenstarken Jahrgänge hat bis 2030 das Rentenalter erreicht.

Diese Lücke lässt sich nach den Prognosen der Wissenschaftler nicht allein durch die Aktivierung inländischer Reserven füllen: Selbst bei dem unwahrscheinlichen Szenario, dass genauso viele Frauen wie Männer berufstätig wären und das Rentenalter auf 70 angehoben würde, brächte das lediglich zusätzliche 4,4 Millionen Erwerbstätige bis 2050.

Der Wandel der Arbeitswelt sei über einen so langen Zeitraum zwar nur schwer zu prognostizieren, räumen die Autoren ein. Die Digitalisierung könne den Arbeitskräftebedarf aber nur zurückschrauben, nicht umkehren. Weil in ganz Europa die Bevölkerung schrumpfe und bei wirtschaftlicher Erholung in den EU-Krisenländern der Anreiz sinke, nach Deutschland zu kommen, lasse sich das derzeitige Rekordhoch der Zuwanderung aus EU-Staaten (2013 netto rund 300 000) nicht halten. Die Autoren gehen davon aus, dass 2050 nur noch 70 000 Menschen aus anderen EU-Ländern nach Deutschland kommen.

„Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit Deutschland als Einwanderungsland auch für Drittstaatler attraktiver wird“, so Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Es brauche ein verständliches Einwanderungsgesetz, wonach qualifizierte Zuwanderer in Deutschland nicht nur erlaubt, sondern erwünscht seien.

Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), forderte eine Doppelstrategie: „Alle Potenziale im Inland nutzen und mehr qualifizierte Einwanderung. Anders werden wir unser Wohlstandsniveau nicht halten können. Denn der demografische Wandel wird in den nächsten Jahren so richtig einschlagen und den Fachkräftemangel unseres Landes multiplizieren.“ Deutschland stehe auch in Konkurrenz zu anderen Einwanderungsländern.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte: „Jeder Tag ohne Einwanderungsgesetz ist ein verlorener Tag. Es ist deshalb verantwortungslos, dass die große Koalition die Einwanderungsdebatte absagen will, noch bevor sie richtig begonnen hat.“ Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion, kritisierte die Studie: „Einwanderung nur unter dem Aspekt der Nützlichkeit zu betrachten, ist zynisch und menschenfeindlich. Die Autoren der Studie haben sich vor den Karren der deutschen Wirtschaft spannen lassen, die mittels Fachkräfteeinwanderung Ausbildungskosten sparen und die Beschäftigten weiter spalten will.“

dpa

Kommentare