Tschechen hamstern deutsche Eier

Prag/Zittau - Wenige Wochen vor Ostern hat ein regelrechter Eier-Tourismus von Tschechien nach Deutschland eingesetzt. Denn im Nachbarland drohen Eier zum Luxusgut zu werden. Jetzt kaufen Tschechen in deutschen Supermärkten die Regale leer.

Kurz vor Ostern werden in deutschen Supermärkten entlang der tschechischen Grenze die Eier knapp. Wegen Rekordpreisen im Heimatland fahren viele Tschechen die paar Kilometer nach Sachsen oder Bayern, um sich dort kartonweise mit günstigen Eiern einzudecken. “Vor kurzem kauften nur diejenigen hinter der Grenze ein, denen es um Qualität ging“, sagte ein Käufer im deutsch-sächsischen Grenzgebiet der tschechische Nachrichtenagentur CTK. “Heute ist es jeder.“ Eine Frau berichtete tschechischen Medien, dass sie für ihr halbes Dorf Eier in Bayern einkaufe. Als Folge haben Händler den Eier-Verkauf jetzt rationiert.

“Es gab wirklich Fälle, in denen Leute sich den ganzen Kofferraum mit Eiern vollgeladen haben“, sagt die Sprecherin von Netto Marken-Discount, Christina Stylianou. Die Discount-Kette gibt Eier deshalb nun nur noch in haushaltsüblichen Mengen ab, insgesamt höchstens acht Packungen pro Kunde. Schilder an den Eierregalen weisen die Kunden darauf hin. Eine ähnliche Situation gab es vor einem Jahr schon mal beim Zucker: Wegen hoher Zuckerpreise in Polen startete damals ein regelrechter Zucker-Tourismus ins deutsche Grenzgebiet - mehrere Handelsketten beschränkten daraufhin den Verkauf.

Eier sind neuerdings auch im Zittauer Kaufland rationiert. “Es gibt eine Höchstabgabemenge von fünf Packungen a 10 Eiern“, sagt eine Sprecherin. “Das dürfte für alle Kunden ausreichend sein.“ In einem Görlitzer Lidl-Markt ist die Menge an Bio-Eiern und Eiern aus Freilandhaltung am Samstag überschaubar. Eine riesige Kiste, in der zuvor Eier aus Bodenhaltung zu 1,09 Euro je Zehnerpack angeboten wurden, ist komplett leer. “Montag kommt Nachschub“, sagt eine Kassiererin.

Das Prager Massenblatt “Blesk“ fragte bereits besorgt: “Womit lassen sich die teuren Eier ersetzen?“ Die Redakteure empfehlen je nach Einsatzzweck Hefe, Puddingpulver oder Gelatine. Auf der Suche nach dem teuersten Ei Tschechiens wurde das Boulevardblatt in der Stadt Semily bei Liberec (Reichenberg) fündig: Für ein Ei berappte eine Leserin nach eigenen Angaben 19,90 Kronen. Umgerechnet sind das 81 Eurocent.

Ende vergangenen Jahres kostete ein Eier-Zehnerpack bei den östlichen Nachbarn im Schnitt noch erschwingliche 1,06 Euro, wie das Statistikamt in Prag bekanntgab. Heute bewegen sich die Preise zwischen umgerechnet 2,00 und 2,80 Euro pro Packung. Dazu hat nach Ansicht von Experten die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel von 10 auf 14 Prozent zum Jahreswechsel nur zum Teil beigetragen.

Tschechiens Staatspräsident Vaclav Klaus fühlt sich angesichts der Berichte über Eier-Hamsterkäufe an die Mangelwirtschaft des Kommunismus erinnert. “Die Leute reagieren schnell und es entsteht Panik“, schreibt der Ökonomie-Professor in seinem Internet-Blog. “Sie kaufen umso mehr Eier, je mehr aus den Regalen verschwinden.“ Die Hauptschuld an der Misere gibt der euroskeptische Politiker nicht dem freien Markt, sondern dem angeblichen staatlichen Dirigismus aus Brüssel.

In der Europäischen Union gilt seit dem 1. Januar 2012 ein Verbot der konventionellen Käfighaltung von Legehennen. Zwar haben tschechische Eierproduzenten Millionen Euro in artgerechtere Käfige investiert, doch der EU-Mitgliedsstaat muss jedes Jahr 640 Millionen Eier importieren, um seinen Bedarf zu decken. Die kamen bisher aus Polen, das die EU-Richtlinie so wie etwa ein Dutzend weitere Länder noch nicht umgesetzt hat. Für polnische Eier aus zu kleinen Käfigen hat Prag inzwischen die Schotten dichtgemacht.

Die Eier-Preise sind infolge des Käfigverbots seit Anfang des Jahres in vielen EU-Ländern in die Höhe geschnellt, auch in Deutschland - dort allerdings dank langfristiger Kontrakte nicht im Einzelhandel, sondern nur auf dem freien Markt. Hierzulande stöhnen deshalb bislang nicht die Verbraucher, sondern zum Beispiel Nudelhersteller und Großbäckereien über einen Eier-Engpass und gestiegene Preise.

Bauern-Lobbyisten haben indes die Supermarkt-Ketten im Verdacht: “Ich denke, dass die Lage missbraucht wird, um extrem hohe Margen zu erzielen“, sagte Jan Veleba, der Chef der Prager Agrarkammer jüngst tschechischen Medien. Einige Händler nutzten die Not der Kunden offenbar aus, um minderwertige Ware abzusetzen: Mehr als 1,2 Millionen Eier aus Polen und Spanien mit beschädigten oder ungestempelten Schalen konfiszierten Prager Lebensmittelinspekteure allein im März.

dpa

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