Ein Hauch von Tagtraum

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Wiesn-Treiben um das Jahr 1929; im Hintergrund die Konstruktion der Achterbahn.

München - Drei Monate noch, dann feiert das größte Volksfest der Welt Jubiläum. Die Monacensia zeigt dazu „Vorstadtstenz und Wiesnbraut – Literarische Oktoberfestporträts aus zwei Jahrhunderten“.

Varieté-Tänzerin: Sie lockt mit Können und ihren Reizen die Besucher in die Vorstellung.

„Ich wollte den Menschen ins Gesicht schauen“, erklärt Monacensia-Chefin Elisabeth Tworek, und zwar den Menschen auf dem Oktoberfest. Da wir uns in einem Literaturarchiv befinden, sind das naturgemäß „Bildnisse“ in Texten. Da Tworek aber zusammen mit Gestalterin Katharina Kuhlmann auch eine Ausstellung konzipiert hat, blickt der Besucher der Villa an der Maria-Theresia-Straße 23 ebenso in Fotogesichter. Deswegen waren private Aufnahmen wichtig, mal aus eigenen Beständen, mal aus den Schatztruhen des Antiquariats Sebastian Winkler; auch das Stadtmuseum – hat ja jetzt eine Riesen-Wiesn-Ausstellung (wir berichteten) – und das Valentin-Karlstadt-Musäum halfen mit.

Liesl Karlstadt: Sie prostet 1958 dem Fotografen zu, Erika Mann (re.) legt ihr den Arm um die Schulter, und Amelie Wellano, Liesls Schwester, beißt in die Brezn.

Die Schau „Vorstadtstenz und Wiesnbraut – Literarische Oktoberfestporträts aus zwei Jahrhunderten“ muss schon aus Raumgründen kleiner sein – dennoch ist sie faszinierend. Zum 200-Jahre-Jubiläum schaut man zurück und erblickt die gleiche Sehnsucht nach Befreiung von allen Zwängen und nach irgendeiner Art von Glück, wie sie heute noch genauso Frauen und Männer in wilde Fahrgeschäfte und markige Männerarme, in große Bierzelte und an weiche Busen treibt. Und im Hintergrund lauert stets die Melancholie, der Ernüchterung. So richtet die Frau, die vor dem wunderbar grafischen Bau der alten Achterbahn steht, ihre tiefernsten Augen auf die Kamera: Das ist der erste Eindruck, den die Schau vermittelt. Der zweite: ein Zerrspiegel, in dem man sich selbst sieht.

Beim Schichtl: In der Mitte der obligate Henker, schließlich wird dort geköpft, daneben Tänzerin und Clown.

Im Foyer und Ausstellungszimmer (mit Filmen!) gaukeln dann die Licht- und Zitat-Girlanden über die Wände. Werfen Blitzlichter auf einen naserümpfenden Thomas Mann, einen von Urgewalten beeindruckten Thomas Wolfe, einen skeptischen Oskar Maria Graf, eine selige Erika Mann oder einen ekstatischen Herbert Achternbusch. Dazwischen erklären auf Textfahnen Helmut Dietl und Patrick Süskind, was ein Stenz etwa im Gegensatz zum Strizzi ist, und Ödön von Horváth sagt weise, weh und poetisch das Wesen der Wiesnbraut. Kein Wunder, hat er doch das schönste und traurigste Stück über das Oktoberfest geschrieben: „Kasimir und Karoline“. Der Schriftsteller hatte es zunächst mit „Achterbahn und Wiesnbraut“ betitelt, wie die Faksimiles des Werks und der Notizen dazu (Originale in der Österreichischen Nationalbibliothek) in der Vitrine belegen. Ansonsten kann die Monacensia mit Originalen auftrumpfen von Ludwig Thomas Roman „Münchnerinnen“ bis Friedrich Hebbels Erinnerungen.

„Vorstadtstenz“: So sah er wohl um 1910 aus.

Und eben mit Fotografien: Liesl Karlstadt nicht nur 1920 vor Valentins Oktoberfestbude als Ausrufer – an der Flöte übrigens der blutjunge Bert Brecht –, sondern auch 1958 neben Erika Mann. Oder eben Wiesnbräute in dünnen Fähnchen und Stenzn aus den 30er-Jahren mit Pomade im Haar, Knickerbocker, Fliege und tailliertem Sakko. Übrigens: Trachten haben nur die Leut’ vom Land getragen. Daneben geradezu barocke Jugendstil-Schau-Paläste oder die schlichtere Schichtl-Theatertruppe. Und über allem der Hauch von Tagtraum, von Angeberei und Ärmlichkeit, von Selbstvergessenheit und Aufhebung aller Standesgrenzen: ein großer Palast der Illusionen, „aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter...“, wie Karoline in Horváths Wiesn-Drama erkennen muss.

14. Juli bis 19. November

Mo.-Fr. ab 9 Uhr, Eintritt frei, Tel. 089/ 41 94 72 15.

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