100 Tage nach Einführung

100 Tage Corona-App: Spahn bei einem entscheidenden Punkt unzufrieden - „Das reicht uns nicht!“

Sie galt als zentraler Baustein in der Corona-Bekämpfung: Die deutsche Warn-App. Gesundheitsminister Jens Spahn zieht nach 100 Tagen nun ein Resümee.

  • Die Corona*-Warn-App wurde im Juni als „ganz zentraler Baustein“ zur Bekämpfung der Pandemie* angekündigt.
  • Nach 100 Tagen heißt es oft, sie sei „kein Allheilmittel“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will nun ein Fazit ziehen.
  • Klar ist: Die Wirkung der App könnte viel höher sein - SPD*-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zum Beispiel fordert mehr Funktionen.

Update vom 23. September, 11.25 Uhr: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nennt die deutsche Corona-Warn-App 100 Tage nach ihrer Einführung einen „festen Bestandteil des Pandemie-Alltags“ und lobt sie - angesichts der Download-Zahlen (siehe Ursprungsmeldung) - als „erfolgreichste Corona-App in Europa.“ Auf Platz zwei stünde in der Hinsicht Italien mit dato etwa fünf Millionen Downloads. Die deutsche App ist bisher in fünf Sprachen verfügbar. „Russisch und Französisch sind in der Arbeit“, kündigt Spahn bei der Corona-App-Pressekonferenz in Berlin an.

In den ersten 100 Tagen wären 1,2 Millionen Testergebnisse von Nutzern an die Corona-App gegangen; Spahn weist hier auf etwas hin, was „gar nicht Haupteffekt“ des Tools, aber ein erfreulicher Nebeneffekt sei: Sie hilft bei der schnellen Übermittlung der Daten. In Berlin hätten in der vergangenen Woche mehr als 50 Prozent der Patienten mit positivem Corona-Testergebnis eingewilligt, dass der Befund an die Corona-App weitergegeben wird, berichtet Spahn.

In einem Punkt zeigt sich Spahn allerdings unzufrieden: Nur etwa die Hälfte der Nutzer der App warnen, nachdem sie Kontakt mit einem oder einer Infizierten hatte, auch ihre Kontakte. „Das ist viel, aber reicht uns nicht!“, so Spahn. „Fast 5000 Nutzer, die ihre Kontakte über die App warnen, klingt erstmal wenig“, räumt er ein. Dies potenziere sich aber. Daher sein eindringliches Plädoyer: „Den Knopf drücken und anderen Nutzern empfehlen, auch einen Test machen!“

Was hat die Corona-App gebracht? Spahn kündigt nüchterne Bilanz an - Lauterbach fordert Superspreading-Funktion

Ursprungsmeldung vom 23. September: Berlin - Die Corona-Warn-App sei ein wichtiges Hilfsmittel im Kampf gegen die Pandemie*. „Jeder, der sie nutzt, macht einen Unterschied“, warb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU*) noch im Juli. Aber wie groß ist der Unterschied bis jetzt? Spahn und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) wollen an diesem Mittwoch, 100 Tage nach Einführung des Tools, in einem Statement in Berlin Bilanz ziehen.

100 Tage Corona-Warn-App: Noch vor Spahn-Bilanz spricht die Telekom von „Vertrauensbeweis der Bevölkerung“

In keinem anderen westlichen Land wurde eine vergleichbare Anwendung so häufig heruntergeladen wie die Anwendung des Robert Koch-Instituts (RKI). Dennoch melden sich immer wieder Kritiker zu Wort, die die Wirksamkeit der App infrage stellen. Diese Zweifel werden auch durch technische Unzulänglichkeiten genährt. Die Entwickler der Anwendung, SAP und Deutsche Telekom, ziehen jedenfalls eine positive Bilanz, die Download-Zahlen seien ein „Vertrauensbeweis der Bevölkerung“.

Die App erfasst mit Hilfe von Bluetooth-Signalen, welche Smartphones einander nahe gekommen sind. Bluetooth wurde allerdings nie für diese Aufgabe entwickelt. Daher müssen die Macher der App mit Werten kalkulieren, die oft nicht genau sind.

Die Kontakt-Ermittlung via Bluetooth ist aber nicht die einzige Funktion der App. Die Anwendung berechnet auch das Risiko, das sich aus der Gesamtzeit aller Risikobegegnungen* der vergangenen 14 Tage* ergibt. Wenn die App in einem roten Feld ein „erhöhtes Risiko“ anzeigt, erhalten die Betroffenen die Empfehlung, sich nach Hause zu begeben beziehungsweise zu Hause zu bleiben sowie mit ihrem Hausarzt, dem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder dem Gesundheitsamt Kontakt aufzunehmen und dort das weitere Vorgehen abzustimmen.

100 Tage Corona-Warn-App: Aussetzer beim iPhone - Zahl der aktiven Nutzer deutlich niedriger als die Downloads

Im Laufe der ersten 100 Tage hat diese Risikobewertung nicht immer zuverlässig funktioniert. So kam heraus, dass die App auf dem iPhone* zeitweise Aussetzer hatte. Dadurch wurden manche Nutzer nicht oder zu spät gewarnt. Nach mehreren Anläufen wurde dieser Fehler in Zusammenarbeit mit Apple* behoben.

Doch selbst wenn die App nun einwandfrei arbeitet, ist sie weit davon entfernt, die Bevölkerung flächendeckend zu warnen. Das hat vor allem mit den Nutzungszahlen zu tun. Die App wurde nach Angaben des RKI inzwischen 18,2 Millionen Mal heruntergeladen. Dabei wird nur eine Installation pro Apple-ID beziehungsweise Google-Konto gezählt, also nicht die Downloads der Aktualisierungen.

Da manche Anwender die App auch wieder deinstalliert oder die Bluetooth-Signale abgestellt haben, fällt die Zahl der aktiven Benutzer niedriger aus. Experten schätzen, dass 15 Millionen Menschen in Deutschland die Anwendung aktiv nutzen. Das entspricht auch der Größenordnung der täglichen Zugriffe auf den Telekom-Server, wo sich die App alle 24 Stunden die Liste aller Tagesschlüssel der Smartphones herunterlädt, die in Verbindung mit positiven Testergebnissen stehen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu Corona-Warn-App in Deutschland - „Sie wird unterschätzt“

Die Anwendung könne allerdings besser als gedacht funktionieren, wenn nämlich Gruppen mit einem überdurchschnittlichen Infektionsrisiko die Anwendung häufiger nutzen würden als der Durchschnitt. Auf diesen Zusammenhang unter anderem Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion ein: „Die App wird unterschätzt“, sagte Lauterbach der dpa. „Für die erste Welle kam sie zu spät, für die zweite Welle zu früh.“ Die App könne noch einen großen Beitrag leisten, weil sie in der besonders betroffenen Altersgruppe stark genutzt werde.

Lauterbach plädiert aber dafür, die App um bestimmte Funktionen zu erweitern. Neben zusätzlichen Informationen für die Nutzer in der App wünscht sich der SPD-Politiker eine Echtzeit-Erkennung von gefährlichen Menschenansammlungen, die sich zu einem Superspreading-Event entwickeln könne. Außerdem hält er eine Art Kontakt-Tagebuch für sinnvoll, eine kleine Notizfunktion, um freiwillig für den Tag zu vermerken, mit wem man Kontakt hatte oder ob man an größeren Ereignissen teilgenommen hat.

Henning Tillmann, Softwareentwickler und Co-Vorsitzender des digitalpolitischen Thinktanks D64, sagte, es sei jetzt wichtig, den „Spirit des Frühjahrs“ wiederaufzunehmen. „Die App ist nicht am Ziel, sondern muss weiterentwickelt werden.“ Der wissenschaftliche Kenntnisstand der App liege noch im April. Es gebe aber inzwischen viele neue Erkenntnisse, zum Beispiel zu Aerosolen, Clustern und Superspreading. „Dieses Wissen muss in die App eingebaut werden. Es wird höchste Zeit für eine Corona-Warn-App 2.0, damit die App helfen kann, gut durch den anstehenden Corona-Winter zu kommen.“ (dpa/frs)

Walter Plassmann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, kritisierte zuletzt die ängstliche Corona-Politik. *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

Rubriklistenbild: © rank Rumpenhorst/dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare