Ex-Chefarzt soll von Patienten „Spenden“ verlangt haben

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Laut Anklage forderte der suspendierte Chefarzt dafür, dass er Operationen zeitnah und persönlich durchführte, von den teilweise um ihr Leben bangenden Patienten “Spenden“ von bis zu 22.000 Euro.

Essen - Er galt als Koryphäe auf dem Gebiet der Lebertransplantationen, nun muss sich der Starchirurg und frühere Chefarzt des Essener Uniklinikums Christoph Broelsch vor Gericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 65-Jährigen Bestechlichkeit, Betrug im besonders schweren Fall und Steuerhinterziehung vor. Broelsch soll von Krebspatienten der gesetzlichen Krankenkassen die Zahlung von “Spenden“ verlangt haben, wenn sie von ihm persönlich behandelt werden wollten.

Prozessbeginn ist am Montag, ein Urteil könnte die Wirtschaftsstrafkammer am Essener Landgericht noch vor Weihnachten sprechen. Laut Anklage forderte der seit Oktober 2007 suspendierte Chefarzt dafür, dass er Operationen zeitnah und persönlich durchführte, von den teilweise um ihr Leben bangenden Patienten “Spenden“ von bis zu 22.000 Euro. Insgesamt sollen rund 219.000 Euro geflossen sein.

Das Geld sei von den Patienten auf ein Drittmittelkonto für Forschung und Lehre eingezahlt worden, auf das der Mediziner Zugriff hatte. Im Einzelfall soll es sich um Beträge zwischen 1.000 und 22.000, meist jedoch um Zahlungen zwischen 5.000 und 7.000,00 Euro gehandelt haben. Insgesamt ließ das Gericht 36 Fälle zur Verhandlung zu.

Vorwürfe mehrfach zurückgewiesen

Bekannt geworden waren die Vorwürfe gegen Broelsch im Mai 2007 durch eine Krebs-Patientin, die sich vergeblich um einen Operationstermin bemüht haben soll. Broelsch selbst hat die Vorwürfe in der Vergangenheit wiederholt zurückgewiesen und in früheren Interviews erklärt, lediglich einzelnen Kassenpatienten angeboten zu haben, bei einer Behandlung gegen eine Spende auf sein Honorar zu verzichten.

Gestrichen hatte die Kammer nach der Anklageprüfung allerdings den vielleicht gravierendsten Vorwurf gegen den Chefarzt: Die Staatsanwaltschaft hatte den Mediziner in acht Fällen der räuberischen Erpressung beschuldigt, da er bei lebensgefährlich erkrankten Patienten eine Spende verlangt und darauf hingewiesen habe, dass die Behandlung sonst zeitlich später durchgeführt würde. Die Strafkammer sah die Grundvoraussetzungen für den Vorwurf einer räuberischen Erpressung nicht erfüllt, behielt sich aber eine mögliche Verurteilung wegen Nötigung vor.

Teil der Anklage gegen den Chefarzt sind auch 22 Fälle von Betrug im besonders schweren Fall, weil er entgegen vertraglicher Verpflichtungen Privatpatienten nicht persönlich behandelt, gleichwohl aber Honorar verlangt und erhalten haben soll. Darüber hinaus wird dem Mediziner Steuerhinterziehung vorgeworfen.

Uniklinik Essen sieht keinen Schaden durch Skandal

Das Uniklinik Essen sieht dem Prozessauftakt gegen den ehemaligen Chefarzt, der vor allem auf dem Gebiet der Lebend-Lebertransplantationen als Pionier galt, gelassen entgegen. Das Kapitel Broelsch sei abgeschlossen, sagte der Sprecher. Unter dem Weggang des renommierten Transplantations-Chirurgen habe weder die Qualität der medizinischen Versorgung gelitten, noch sei der Ruf der Klinik durch den Skandal nachhaltig geschädigt worden. “Die Anzahl der Lebertransplantationen ist sogar gestiegen“, erklärte der Sprecher. Für den Prozess sind zunächst 22 Verhandlungstage angesetzt. Der Mediziner muss im Falle einer Verurteilung im Höchstfall mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen.

ap

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