RAF-Terroristin Becker: Ganz lässig zum Mordprozess

Stuttgart - Lässig ist Ex-RAF-Terroristin Verena Becker vor Gericht erschienen. Aber: Sie schweigt im Mordprozess zum Buback-Attentat von 1977 zum Tatvorwurf. So lief der erste Prozesstag.

Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker will sich im Mordprozess zum Buback-Attentat von 1977 vorerst nicht äußern. Beim Prozessauftakt verweigerte die 58-jährige Angeklagte am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart die Aussage zur Anschuldigung der Bundesanwaltschaft, dass sie an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern beteiligt gewesen sei.

Beckers Anwalt Walter Venedey sagte im hochgesicherten Gerichtsgebäude von Stammheim: “Frau Becker möchte weder zur Person noch zur Sache derzeit weitere Angaben machen.“ Bei der Verlesung der Anklageschrift warf Bundesanwalt Walter Hemberger der Angeklagten vor, gemeinschaftlich mit anderen handelnd “aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch drei Menschen getötet zu haben“.

RAF-Morde: Bilder vom Prozess gegen Verena Becker

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Die Bundesanwaltschaft geht jedoch - anders als der Sohn des Ermordeten, Michael Buback - nicht davon aus, dass Becker die Todesschützin beim Attentat vom 7. April 1977 in Karlsruhe war. Laut Anklage soll Becker maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag, an dessen Planung und Vorbereitung sowie der Verbreitung der Bekennerschreiben mitgewirkt haben. Diese gingen am 13. und 14. April 1977 bei mehreren Zeitungsverlagen und Presseagenturen ein. An den Briefumschlägen der Bekennerschreiben waren DNA-Spuren Beckers gefunden worden.

Die Bundesanwaltschaft hält Becker rechtlich für eine “Mittäterin“. Das zeige eine Gesamtschau der Zeugenaussagen und Indizien. In der Anklage hieß es weiter, Becker habe sich in den vergangenen Jahren in mehreren schriftlichen und digitalen Aufzeichnungen intensiv mit ihrer Rolle beim Buback-Attentat und mit ihrem “Täterwissen“ auseinandergesetzt. Dabei habe sie “deutlich gemacht, dass sie keine Reue empfindet“, betonte Hemberger. So habe Becker am 7. April 2008 - dem 31. Jahrestag des Anschlags - folgende handschriftliche Notiz verfasst: “Nein, ich weiß noch nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht mehr machen - aber ist das nicht armselig, so zu denken und zu fühlen?!“

Die RAF: Schreckensbilder vergangener Zeiten

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Bis heute ist ungeklärt, welches RAF-Mitglied bei dem Attentat in Karlsruhe die tödlichen Schüsse auf den 57-jährigen Buback und dessen zwei Begleiter - den 30-jährigen Fahrer Wolfgang Göbel und den 43-jährigen Justizwachtmeister Georg Wurster - abgefeuert hat. Die Schüsse - es waren mindestens 15 - wurden vom hinteren Sitz eines Motorrads abgegeben, auf dem zwei Personen saßen. Wegen des Attentats, das Auftakt einer Terrorserie der “Roten Armee Fraktion“ war, wurden bisher die RAF-Mitglieder Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Knut Folkerts wegen Mordes verurteilt - allerdings lediglich als “Mittäter“.

Michael Buback, der als Nebenkläger auftritt, sagte am Donnerstag in einer Pressekonferenz, die Tat sei “ganz leicht aufzuklären“. Bei den Ermittlungen zum Mord an seinem Vater habe es jedoch “unerklärliche Mängel und schwere Fehler“ gegeben. Buback hält es für denkbar, dass Geheimdienste eine “schützende Hand“ über Verena Becker gehalten haben, die von Herbst 1981 bis Ende 1983 Kontakte zum Verfassungsschutz gehabt haben soll. Bubacks Anwalt Ulrich Endres betonte: “Jetzt wird aufgeklärt.“

Bundesanwalt Hemberger hingegen hält die Behauptung, dass es eine “schützende Hand“ über Becker gegeben habe, für “abwegig und absolut unglaubhaft“. Er habe “keinen Hinweis auf Manipulationen“. Es gebe auch “keine Hinweise, dass irgendwelche deutschen Geheimdienste in den Anschlag verwickelt“ gewesen seien. Der unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindende Stammheimer Prozess wird voraussichtlich zu einem Mammutverfahren, das zumindest mehrere Monate dauern dürfte.

Das OLG Stuttgart hat bislang 17 Verhandlungstage bis zum 21. Dezember 2010 angesetzt. Der Vorsitzende Richter Hermann Wieland machte aber klar, dass dies nur “ein erster Komplex“ sei und das Ende des Prozesses offen sei. Einer Gerichtssprecherin zufolge könnten bis zu 140 Zeugen und 16 Sachverständige gehört werden. Ursprünglich sollte am Donnerstagnachmittag als erster Zeuge ein Beamter des Bundeskriminalamts vernommen werden. Er war jedoch erkrankt und soll nun bei der Fortsetzung des Prozesses am nächsten Donnerstag (7. Oktober) gehört werden. Zum Auftakt kamen mehr als 50 Medienvertreter - teils aus dem Ausland.

Von Norbert Demuth

Rubriklistenbild: © dpa

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