Nach dem Familiendrama: „Ganz reizende Kinder“

Das Entsetzen ist im Wilhelmshöher Flüsseviertel nach dem Familiendrama groß

Kassel - Neben der Eingangstür des kleinen, weißen Einfamilienhauses im Weichselweg lehnt ein Schlitten an der Wand. Weiter hinten, im Garten, stehen die Überreste eines Iglus aus Eis und Schnee.

Der Schneemann gleich daneben hat längst seinen roten Hut, einen Topf, verloren. Es hat getaut. Bald würde man die neue große Schaukel mit den grünen Sitzen, die der Vater gerade gebaut hatte, benutzen können.

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Es ist, als wenn gleich die Kinder der Familie W. in den Garten stürmen würden. Der Dreijährige würde vielleicht versuchen, beim Schneemann zu retten, was noch zu retten ist. Der Fünfjährige würde sich mit einem lauten „Juchuh“ auf die schöne neue Schaukel schwingen. Sie werden es nie mehr tun. Der Dreijährige ist tot, der Fünfjährige kämpft im Klinikum Kassel ums Überleben.

Sie wurden nicht Opfer eines schrecklichen Unfalls, sondern eines Familiendramas. Ihre eigener Vater schlug - womöglich mit einer Eisenstange - auf die Köpfe seiner kleinen Söhne ein. Anschließend warf er sich in der Nähe des Bahnhofs Wilhelmshöhe vor einen Güterzug und nahm sich so das Leben.

 Die Tat erscheint nach ihrem Bekanntwerden ebenso schrecklich wie rätselhaft. Wie kann ein Vater versuchen, seine Söhne auf derartige Weise zu töten? Wie verzweifelt muss er sein, um seien kleine Familie auszulöschen? Reicht da die Tatsache, dass sich seine Frau von ihm trennte? Die Spurensuche nach Antworten ist schwierig.

Die Familie zog vor rund eineinhalb Jahren in das Flüsseviertel nach Wilhelmshöhe. Es ist eine ordentliche Gegend, die man sich zur Heimat wählte, in der es nichts Asoziales gibt. Und auch die Familie mit ihren kleinen Söhnen schien mustergültig in dieses Umfeld zu passen. Man war zurückhaltend, aber gleichwohl freundlich, wenn es geboten war.

Die Nachbarn schildern den Vater - ein schlanker, hochgewachsener Mann - als ruhig, nett und zuvorkommend. Noch einen Tag vor der Tat half er im Garten einer Nachbarin, Schnee zu schippen. Die Söhne werden als aufgeweckte Kinder beschrieben, die gut erzogen und höflich waren. „Es waren ganz reizende Kinder“, sagt eine Nachbarin.

Sie hatten ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Vater, soweit das Nachbarn beobachten können. Einmal, als der Vater nur kurz wegfuhr, war das Leid der Kinder groß. „Papa“, „Papa“, immer wieder „Papa“ riefen sie ihm hinterher. Die Spielgeräte und der Schneemann im Garten, die selbstgebastelten Papier-Sterne an den Scheiben der Kinderzimmer zeugen davon, dass man sich hier um die Kinder kümmerte.

Umso rätselhafter, verzweifelter muss die Tat des Vaters erscheinen. Eine Nachbarin sagt, dass Mark W. als Freiberufler viel daheim war und so zu einer Art Hausmann wurde. „Mit dieser Rolle“, vermutet die Frau „kommt nicht jeder zurecht“.

 Otilie Waninger, deren Garten an den der Familie W. grenzt, kann ihre Tränen kaum zurückhalten. „Der Vater war doch so liebevoll zu seinen Kindern“, sagt sie. „Der hat doch alles für sie gemacht“. Über die Mutter kann niemand etwas sagen. Zu ihr hatten die Nachbarn kaum Kontakt. In der Tatnacht hatte Otilie Waninger im Haus der Familie noch ganz lange Licht gesehen. Da hatte sie sich noch gewundert, sagte die Nachbarin. Was sich hinter den Mauern des weißen Hauses abspielte, konnte niemand ahnen.

Von Frank Thonicke

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