Missbrauch angeblich auf Wunsch des Opfers verschwiegen

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In einem Hildesheimer Missbrauchsfall ist geschwiegen worden, um das Opfer zu schützen.

Hildesheim - Ein Missbrauchsfall ist laut Diakon Wilfried Otto deshalb nicht an die Öffentlichkeit gedrungen, weil das Opfer das so wollte. Die Kirche habe also zum Schutz des Opfers geschwiegen, sagt er.

Über einen Missbrauchsfall im Bistum Hildesheim ist nach Kirchenangaben geschwiegen worden, weil das Opfer es so wollte. “Der damalige Bischof hat mir versichert, dass das Opfer keine weitere Aufklärung wünscht und nicht an die Öffentlichkeit will“, sagte am Mittwoch Diakon Wilfried Otto, der Nachfolger des in Verdacht geratenen Priesters in der katholischen Gemeinde “Guter Hirt“. Ein Jesuitenpater soll 1997 eine erwachsene junge Frau sexuell belästigt haben. Vier Jahre zuvor soll es bereits zu Übergriffen auf eine 14-Jährige gekommen sein. Der Mann sei zu keiner Zeit unter Druck gesetzt worden. “Wie der genaue Ablauf der Geschehnisse damals war, lässt sich aber nicht mehr rekonstruieren“, sagte Bistumssprecher Michael Lukas.

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Die anderen Beteiligten hätten weniger genaue Erinnerungen an die Vorfälle vor fast 13 Jahren. Nach dem Vorwurf, der Priester habe die Minderjährige 1993 unsittlich berührt, wurde ihm die weitere Jugendarbeit untersagt. Dieses Verbot wurde nach Angaben des Bistums aber nicht konsequent eingehalten. “Aus heutiger Sicht haben wir die Vorwürfe zu wenig ernst genommen und die Tragweite der weiteren Entwicklungen eindeutig unterschätzt“, hatte der damalige Bischof Josef Homeyer in der vergangenen Woche in einer Presseerklärung mitteilen lassen.

Er bedauere dies zutiefst. Er habe nur von einem Vorwurf erfahren, von den Übergriffen auf die 14-Jährige habe er damals nichts gewusst, sagte der Diakon. “Heute frage ich mich aber schon, ob ich damals alles richtig gemacht habe“, meinte Otto. Sein Gewissen plage ihn, ob es wegen seines Schweigens weitere Übergriffe gegeben hat “und ob ich sie hätte verhindern können“. “Der Bischof sagte mir, die Frau habe die Versetzung des Priesters gefordert. Da dies innerhalb weniger Tage geschehen sollte, bat er mich um die Nachfolge“, erläuterte Otto, der Vater von zwei Kindern ist. Er habe umgehend zugesagt, schon um den von seinem Vorgänger eingerichteten Mittagstisch fortzuführen.

Der unter Verdacht geratene Jesuitenpater wurde 1989 Pfarrverwalter in der Hildesheimer Pfarrgemeinde “Guter Hirt“. Im November 1995 verließ er den Jesuitenorden und wurde als Priester in das Bistum Hildesheim aufgenommen. Nach erneuten Vorwürfen des Missbrauchs wurde er zum 1. Juli 1997 als Seelsorger in das Dekanat Wolfsburg versetzt. Nach einer kurzen Tätigkeit im Erzbistum Berlin wechselte er 1999 in eine Pfarrgemeinde in Hannover. Aus gesundheitlichen Gründen wurde der Pater im März 2003 in den Ruhestand versetzt und zog nach Berlin.

dpa

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