TV-Kritik

Illner-Talk zu Corona: „Freiheit ist das höchste Gut“ – Ethikerin verfolgt risiko-adaptierte Exit-Strategie 

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Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats.

Talkshows werden zusehends zu Infotainment mit Nachhilfe-Charakter: Aufklärung statt Debatte, und das ist gut so.

  • Das Coronavirus Sars-CoV-2* ist wieder Thema bei Maybrit Illner 
  • Das Talk-Thema lautet „Testen, Tracken, Impfen – Wettlauf gegen die Zeit“
  • Die Illner-Gäste: Melanie Brinkmann, Christiane Woopen, Helge Braun, Michael Ziemons, Dirk Brockmann

Es ist erst Tag 13. Und schon werden wir als Gesellschaft ungeduldig. Dabei stecken wir in der größten Krise seit dem Weltkrieg. Und die Fachleute haben uns früh genug gesagt, es werde dauern. Aber nun geht es schon um die „Exit-Strategie“: Wie kommen wir da wieder raus? „Irgendwann“ lautet die Antwort der Politik, und man kann die Regierenden nur dafür loben, dass sie uns nichts vormachen wollen.

Illner-Talk zu Corona: Umkehr-Isolation als mögliche Strategie

Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) wies jetzt bei Maybrit Illner darauf hin, dass es eine nur „träge Verlangsamung“ bei der Verdoppelung der Fallzahlen der mit dem Coronavirus Infizierten gebe. Andererseits berichtet Michael Ziemons, Dezernent für Soziales und Gesundheit der Städteregion Aachen, die Zahlen bekämen nun „langsam ein Gesicht“, weil bald jeder in seinem Sprengel jemand kenne, der infiziert ist. 

„Testen, Tracken, Impfen – Wettlauf gegen die Zeit“ war das Thema der Sendung, aber zunächst ging es um die Freiheit. Denn Menschen brauchten eine Antwort auf die Frage, „wie man da wieder rauskommt“, formulierte Christiane Woopen, die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats. Dessen Strategie sei es, einen „risiko-adaptierten Weg“ zu verfolgen. Zwar seien Einschränkungen vorübergehend gerechtfertigt, aber die Freiheit sei das höchste Gut, und man müsse die Situation der breiten Gesellschaft in den Blick nehmen, urteilte sie mit Hinblick auch auf andere Krankheiten.

Illner-Talk zu Corona: Es fehlt an Voraussetzungen für den Exit aus der Krise

Eine Strategie sieht Woopen auch in der „Umkehr-Isolation“. Man könne Lockerungen der Beschränkungen nach unterschiedlichen Kriterien vornehmen, regional, nach wirtschaftlichen oder sozialen Sektoren – und die Risikogruppen schützen. Illners Frage nach Verboten für Alte und unter Vorerkrankungen leidende Menschen fand Helge Braun nicht angemessen. Es gehe um Schutz und nicht Isolation. Ethikerin Woopen wies derweil auf den Willen zur Selbstbestimmung auch bei älteren Menschen hin. „Wir können nicht einfach sagen: Wir wollen die alle beschützen.“

Aber noch fehlt es an Voraussetzungen für den Exit aus der Krise. Und dazu gehört die bislang mangelhafte Versorgung mit Masken vor allem für das medizinische Personal, wie Melanie Brinkmann betonte; sie leitet die Forschungsgruppe Virale Immunmodulation am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Helge Braun gestand, dass es ein Fehler gewesen sei, dass Deutschland die Produktion solcher Masken vernachlässigt habe. 

Illner-Talk zu Corona: Virologin dämpft Hoffnung auf schnelle Testergebnisse

Wie bei anderen Talkshows auch hat sich der Charakter dieser Sendung unter den Bedingungen der Krise gewandelt: Es geht nun nicht mehr um politischen Streit und möglichst kontroverse Debatten, sondern zuallererst um Information. Und das ist gut so, wie man besonders an den Beiträgen der Expert*innen sieht. 

Virologin Brinkmann (deren ausdrucksstarkes Mienenspiel die Kamera auffällig oft einfing), dämpfte etwa die Hoffnungen auf schnelle Testergebnisse*, weil es an Personal fehle. Dirk Brockmann, Leiter der Forschungsgruppe „Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten“ am Robert Koch-Institut, konnte beitragen, dass etwa die Mobilität in Großstädten im untersuchten Zeitraum um bis zu 45 Prozent abgenommen habe.

Illner-Talk zu Corona: Ethikrat ist für technologische Lösungen

Maybrit Illner, ZDF, von Donnerstag, 2.April, 22.15 Uhr, Mediathek

Auch er braucht noch mehr Daten – also auch Zeit – um präzisere Modelle darstellen zu können. „Alles was Daten liefert, ist gut“, meinte er mit Hinblick auf die in Rede stehende App. Die vom Fraunhofer Institut mitentwickelte Handy-App scheint auf immer mehr Zustimmung zu stoßen, zumal versichert wird, dass die Daten der Kontaktpersonen anonym blieben und nach zwei, drei Wochen gelöscht würden. Wie man beweisen kann, dass Daten nicht gespeichert werden, hat mir allerdings noch niemand recht erklären können. 

Dezernent Ziemons ist skeptisch, weil die Nachricht über Kontakt mit infizierten Personen Angst auslösen könnte, zumal wenn nicht umgehend von Behördenseite aus reagiert und informIert werde. Der Ethikrat, so Christiane Woopen, ist für technologische Lösungen, weil sie Freiheit ermöglichten. Minister Braun erklärt, eine Beteiligung von mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sei „ein guter Wert“. Auch für das Selbstbestimmungsrecht der Bürgerinnen und Bürger? 

Von Daland Segler

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