1.200 Kinder hoffen auf „Teddy-Doc“

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Nilpferd „Henry“ hat eine Bauchwunde, und Dr. Christian Helferich wird gleich die Nadel ansetzen. 90 Medizinstudenten machten mit bei der „Frankfurter Teddyklinik“.

Frankfurt ‐ Die Universitätsklinik sieht sich bereits vor dem gefürchteten Vatertag am morgigen Donnerstag mit einer Patientenflut konfrontiert. Höhepunkt bisher: eine akute „Mähnenentzündung“ - diagnostiziert bei einem Tintenfisch. Von Michael Eschenauer

Seit Montag verzeichnete man mehrere hundert zusätzliche Fälle: Nasenbeinbrüche, Platzwunden, Frakturen der Arme und Beine, schwere Bauchschmerzen, sogar offene Wunden sind dabei. Im Mittelpunkt des Andrangs steht die „Teddyklinik“. Um was geht‘s hier eigentlich?

Rückenschmerzen quälen dieses Schmuse-Pferd. Der Grund hierfür mag Übergewicht sein. Die „Teddy-Doktorin“ wiegt den Patienten jedenfalls erstmal.

Ganz einfach: Seit Anfang der Woche lassen Kinder aus Frankfurter Kindergartengruppen ihre Kuscheltiere bei den „Teddy-Docs“ auf Krankheiten untersuchen. Bis zum Ende der Aktion am heutigen Mittwoch werden 1.200 Kinder am Theodor-Stern-Kai zu Gast gewesen sein. Ihre plüschigen Patienten werden abgetastet, abgehört und verbunden. Bei ernsteren Fällen wird geröntgt und sogar operiert. Erstmals wurde eine Zahnklinik für Steiff & Co. aufgebaut, wo die Kids etwas zur Zahnpflege erzählt bekommen. Anschließend gibt‘s Obst und Vitamine. Rachel (5) ist schon mitten im Arztgespräch mit Julia Dieter. Ihr Schmuse-Huhn namens Celine ist vor ein paar Tagen vom Tisch gefallen. „Da tut ihr jetzt der Fuß weh“, berichtet Rachel. „Dr. Dieter“ bittet beide mit zum „Röntgengerät“. „So, hier kommt Celine hinein, dann machen wir zu und zählen eins, zwei, drei, vier, fünf. Und jetzt schauen wir uns mal das Röntgenbild an. Ja klar, der Fuß ist gebrochen“, sagt Dieter, und Rachel reißt die Augen auf: Das Röntgenbild von Huhn Celine scheint authentisch, auch wenn es die Umrisse eines Teddybären hat. Anschließend darf Rachel dem gelben Vogel das Bein schienen.

Der Teddy von Leon (4) nebenan leidet unter Bauchschmerzen: Nach Abtasten, Wiegen und Abhören muss Leon Fieber messen. „Hoppla, 38,5 Grad!“, Anke Rauch schüttelt den hölzernen Mundspatel mit aufgemalter Skala. Therapie: Viel streicheln und schwarzer Tee.

Der Behandlungsraum brodelt: Hier das Pony von Alessia mit Rückenschmerzen, da der Igel „Igelbutz“ mit Nasenbeinbruch, dort das Nilpferd Henry mit einer Bauchwunde. Die hinkende Maus von Ibrahim und der Oktopus „Ogdi“ von Markus mit erwähnter „Mähnenentzündung“ harren geduldig im Wartezimmer aus.

Modernste Diagnostik kommt dem Schmerz auf die Spur: Hier wird ein Röntgenbild besprochen.

Seit drei Jahren steigt die „Teddyklinik“, veranstaltet von der Uni-Kinderklinik, der Kinderhilfestiftung e.V. sowie von 90 Medizinstudenten stetig in ihrer Popularität. „Es ist wichtig, dass die Kinder verstehen: Ein Krankenhaus kann auch positive Erlebnisse bringen. Vielleicht haben sie dann, wenn sie wirklich mal dahin müssen, weniger Angst“, sagt Nora Doberschütz vom Organisationskomitee. „Die Angst zu nehmen, ist allerdings nur in begrenztem Ausmaß möglich“, schränkt Professor Dr. Thomas Lehrnbecher, Oberarzt in der Abteilung Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Kinderklinik, ein. „Wir wollen den Kindern zeigen, dass man sich mit seiner Krankheit auseinandersetzen muss und dabei auch Angst haben darf“, sagt er.

Teddys Knochen

An die Eltern richtet er die Bitte, Arzt- und Krankenhausbesuche nicht über Gebühr gegenüber zu verharmlosen oder schönzureden. „Zu sagen, es tut ja gar nicht weh, ist problematisch, denn Blutabnehmen tut eben doch weh. Und dann ist der Schreck doppelt groß.“ Mit einer dem Charakter und dem Alter des Kindes angemessenen Offenheit komme man weiter. Eltern, so Lehrnbecher, sollten beachten, dass sie womöglich selbst angespannt seien und versuchen, dies nicht auf das Kind zu übertragen. „Verlangen Sie keine Heldentaten. Wenn es weh tut, darf man weinen. Zeigen Sie ihrem Kind, dass Krankheit zum Leben dazugehört.“ Hinter seinem Mundschutz und unter der OP-Haube ist der Medizinstudent Christian Helferich kaum zu verstehen. „Die tollen Erfahrungen mit den Kindern sind die Extraarbeit neben dem Studium, die ich hier mache, allemal wert“, sagt er. Die Kinder reagierten höchst unterschiedlich. „Manche sind offen, manche muss man erstmal zum Reden bringen.“ Helferich hofft, „später mal ein einfühlsamer Kinderarzt zu werden. Jemand, der erkennt, was das Kind bewegt, und der es schafft, in der kurzen Zeit, die zur Verfügung steht, Vertrauen aufzubauen.“ In zwei Jahren will Helferich soweit sein.

Quelle: op-online.de

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