Dottenfelder Hof bei Bad Vilbel züchtet robustes Natur-Getreide

Auf 17.000 Mini-Äckern Nachschub für „Bio“

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Blick in eine Plastikschale mit den Körnern einer einzeln gedroschenen Sommerhafer-Rispe. Jede Versuchspflanze wird untersucht, die Körner mit den besten Eigenschaften wieder ausgesät.

Bad Vilbel - Dreschen ist eine staubige Angelegenheit. Selbst dann, wenn man die Ähren und Rispen einzeln ausschlägt. So sitzt der 37-jährige Alexander Ptok mit vorzeitig ergrauten Haaren an der Maschine. Monatelang, tagein tagaus.

Er zieht einen Hafer-Halm aus der braunen Papiertüte und hält die Rispe kopfüber in die rote Mini-Dreschmaschine. Es raschelt, dann landen gut 30 Körner in der Plastikschale. Ptok legt einen nummerierten Papierstreifen hinzu. Dann zieht er den nächsten Halm aus der Tüte. „Mit dem Winterweizen bin ich durch“, sagt der gelernte Zierpflanzengärtner. „Jetzt ist der Sommerhafer dran.“

Die Samenschachteln stapeln sich in Gemüsekisten bis zur Decke des Schuppens auf dem Dottenfelder Hof bei Bad Vilbel. Dort, in der Wetterau nördlich von Frankfurt, wird das Biogetreide der Zukunft gezüchtet. Es gibt in Deutschland nur zwei weitere Betriebe dieser Art: Im norddeutschen Darzau und in Salem am Bodensee.

Ohne Kunstdünger und ohne chemischen Pflanzenschutz

Bio-Getreide muss ohne Kunstdünger und ohne chemischen Pflanzenschutz Ertrag bringen. Von 100 Winterweizensorten hat das Bundessortenamt in Hannover nur vier Sorten mit Öko-Qualitäten registriert. Von den 55 registrierten Sommergerste-Sorten sind zwei besonders für Bio-Höfe geeignet. Sieben Bio-Getreidesorten sind im Zulassungsverfahren. Für mehr fehlt das Geld: Rund eine Million Euro kostet die Zucht einer neuen Sorte mit guten Wuchs-, Back- und Ernährungseigenschaften. Dabei brauchen die Biobauern dringend geeignete Getreidesaat, denn die Zahl der Bio-Höfe wächst stark. Von 2007 bis 2010 nahm sie laut Statistischem Bundesamt um 2700 auf 16.500 Betriebe zu. In Hessen gibt es rund 1500 Biobauern, die 71.000 Hektar Land bewirtschaften.

Bio-Saatgutzüchter Hartmut Spieß, Ptoks Chef auf dem Dottenfelder Hof, sagt: „Biogetreide bringt in der Regel weniger Ertrag. Aber er gibt keine überschüssigen Nitrate in den Boden ab.“ Das mache das Bio-Saatgut auch für konventionell arbeitende Bauern attraktiv. Außerdem sei Bio-Saatgut kein Konzern-Eigentum, sondern für alle nutzbar. Die Züchter kassierten eine Nachbau-Gebühr von den Anpflanzern.

Längere Halme als herkömmliche Sorten

Alexander Ptok an der Mini-Dreschmaschine.

Bio-Getreide müsse längere Halme haben als herkömmliche Sorten, weil das Stroh für das eigene Vieh gebraucht werde. „Und damit die Pflanze aus dem feuchten Bodenmilieu herauswächst und weniger Ährenpilze aufnimmt.“ Während konventionelle Landwirte die Parasiten mit chemischen Mitteln bekämpfen, benutzen Spieß und seine Leute gegen den Steinbrand ein selbst entwickeltes Stärkungsmittel auf Senfmehlbasis. Den noch ansteckenderen Flugbrand-Pilz halten die anthroposophisch inspirierten Biobauern vom Dottenfelderhof mit der selbst gezüchteten Weizensorte „Butaro“ in Schach. Sie sei resistent gegen Pilze. Robustes und genügsames Getreide sei auf der ganzen Welt begehrt. So bekomme der Hof Besuch von Experten aus China, Japan und sogar aus Nordkorea.

Sieben Jahre lang werden die von Ptok gedroschenen Körner immer wieder ausgesät, selektiert und gekreuzt. Auf sechs Hektar kümmern sich am Dottenfelder Hof und an zwölf weiteren Stellen vier Arbeitskräfte um 17.000 kleine Versuchsfelder mit Roggen, Weizen und Hafer. Nach dem Zulassungsantrag prüft das Bundessortenamt drei Jahre lang, ob die neue Sorte beständig und gut ist.

dpa

Quelle: op-online.de

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