Multitalent mit Tiefgang

Musiker Aren Emirze bringt Westcoast und Kaukasus zusammen

Frankfurt - Die Musikerkarriere von Aren Emirze begann auf der Georg-Kerschensteiner-Schule in Obertshausen. Hier traf der Gitarrist und Sänger auf Bassist Chris Aidonopoulos. Als mit Nico Heimann ein Schlagzeuger gefunden war, konnte das Abenteuer Harmful beginnen. Von Detlef Kinsler

Aren Emirze, früher Sänger bei „Harmful“, ist nun mit seinem Projekt Emirsian unterwegs.

Von 1992 bis 2014 waren die Noise Rocker mit Unterbrechungen unterwegs, arbeiteten mit angesagten Produzenten wie Guido Lucas (Blackmail), Dave Sardy (Bush, Nine Inch Nails) und Billy Gould, der sogar mit Harmful durch deutsche Clubs zog. Später lud Gould das Trio ein, mit seinem Quintett Faith No More aufzutreten. Der Bassist hatte die Kultrocker – wieder angefixt durch die Konzerte mit seinen deutschen Freunden – von einem Comeback überzeugen können.

Außer Harmful hatte Emirze mit Rinderwahnsinn eine weitere laute Band zwischen Hardcore und Deutschpunk am Start, doch der Musiker konnte nicht nur Krach. 2006 überraschte er mit ganz leisen Tönen. „A Gentle Kind Of Disaster“ nannte er das Debütalbum seines Akustik-Projekts Emirsian, auf dem er den Tod seines geliebten Vaters zu verarbeiten versuchte. „Achtschig Sirunag“, das letzte Stück auf dem Album, stammte aus dessen Feder. Er hatte es zwanzig Jahre vorher für seine Kinder gespielt und auf Armenisch, der Sprache seiner Vorfahren, gesungen. Mehr und mehr tauchte dann auch Emirze in seine Familiengeschichte und die Kultur der Heimat seiner Vorfahren ein und beschäftigte sich zwangsläufig auch mit dem Völkermord von 1915-1917, als die Armenier im Osmanischen Reich verfolgt und getötet wurden. „Yelq“ und die Doppel-CD „Accidentally In Between“, die schon im Titel seinen Zwischen-den-Stühlen-Status thematisierte, überraschten dann mit einem ganz eigenen, auch Sixties-orientierten Singer/Songwriter-Stil. Die britische Merseyside traf da auf die amerikanische Westcoast und den Kaukasus. Das hatte man vorher so noch nie gehört.

Noch bevor im April 2016 ein neues Emirsian-Album erscheinen wird, kommt es nach Auftritten in der Brotfabrik und – unvergessen – in der Dreikönigskirche zu einem weiteren Konzert, diesmal am 7. November im Mousonturm. Und das soll ein ganz besonderes werden. „Abril te voch – Leben oder Träumen“ ist es überschrieben. „Als gebürtiger Armenier und direkt Betroffener dieses Genozids – meine Urgroßmutter hat die Gräueltaten nur mit viel Glück überlebt und dadurch meines Vaters und schlussendlich meine Existenz gesichert –- ist es meine Pflicht als Mensch und Vater immer wieder auf dieses bis heute nicht weltweit anerkannte Verbrechen hinzuweisen und es ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen“, betont Emirze. „Als Musiker habe ich Gott sei Dank das Privileg durch Konzerte oder Interviews dies zu tun.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Im April dieses Jahres reiste er zum 100. Jahrestag des Genozids zu den „Feierlichkeiten“ nach Jerewan. „Die erlebte ich auf der einen Seite als eine unglaublich intensive Erfahrung, die mir die Schönheit dieses fantastischen Landes noch näher brachte und mich mit ihrer uralten Kultur immer wieder aufs Neue beeindruckt, mir aber auch bewusst machte, mit was für einer offenen Wunde wir Armenier existieren müssen“, erinnert Emirze an seine Reise. „Auf der anderen Seite wurde ich von diesem, ich will es mal ,Genozidmarketing’ nennen, emotional etwas aus der Bahn geworfen.“ Genozid-Tasche, Genozid-Kugelschreiber, Genozid- Memory Stick und andere Genozid-Gimmicks. „Das war dann doch zu viel des Guten.“

Emirze wollte mit Emirsian sein eigenes, ganz persönliches Statement formulieren. „Denn irgendwann versuchte ich mit meinen Produktionen aus dieser emotionalen Sackgasse auszubrechen, nach vorne zu schauen und aus eigener Initiative Dinge zu tun, die mir das Gefühl geben nicht mehr ausschließlich Opfer zu sein.“ Für sein aktuelles Emirsian & Freunde-Konzert hat er deutsche, armenische und auch türkische Musiker eingeladen. „Damit möchte ich auch ein Zeichen setzen, dass die zwischenmenschliche Versöhnung zwischen Armeniern und Türken auch oder gerade fernab der Politik beginnen muss und möglich ist“, glaubt er. Mit Chima ist auch ein Frankfurter mit nigerianischen Wurzeln am Samstag dabei. „Er steht kulturell genauso zwischen den Stühlen wie ich und hatte mit den gleichen Vorurteilen zu kämpfen“, erklärt Emirze. „Deswegen passt der Konzertabend thematisch auch in die aktuelle Flüchtlingsdebatte. Weil wir uns zuallererst alles als Menschen sehen sollten.“

Emirsian & Freunde treten am Samstag, 7. November, ab 21 Uhr im Mousonturm in Frankfurt, Waldschmidtstraße 4, auf. Der Eintritt kostet 27 Euro.

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Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Kinsler, Detlef

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