Ältere richtig behandeln

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Stephan Sahm vom Ketteler Krankenhaus in Offenbach

Offenbach (psh) ‐ Klar gibt es sie, die Glückspilze, denen das Alter nicht mehr als kleine Gebrechen beschert. Tatsache ist jedoch, dass die Zahl der Senioren, die an Diabetes erkranken, stetig steigt.

Nach Schätzungen ist jeder Vierte über 65 betroffen. Für Ärzte sind damit neue Herausforderungen verbunden. Denn die Therapie ist immer ein Drahtseilakt zwischen dem, was medizinisch sinnvoll und notwendig ist, und dem, was möglich ist, ohne Patienten zu überfordern.

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Privatdozent Dr. Stephan Sahm, Chefarzt am Ketteler Krankenhauses in Offenbach, betont: „Ärzte müssen lernen, die Besonderheiten der Erkrankung bei alten Menschen zu erkennen und zu berücksichtigen. So sind Ältere empfänglicher für Begleiterkrankungen, etwa des Herzen, der Gefäße und des Nervensystems. Daneben ist die Funktion vieler Organe eingeschränkt.“ Hinzu komme, dass das soziale Netz im Alter oft brüchig geworden sei. Sahm: „Daraus ergeben sich viele praktische Fragen: Gibt es Personen, die helfen können im Haushalt, die vielleicht eine Insulinspritze verabreichen können? Braucht die erkrankte Person eine Versorgung durch einen Sozialdienst?“

Diabetiker-Senioren werden nicht erkannt

Für den Offenbacher Chefarzt ist ganz wichtig, dass Angehörige, Ärzte, Schulungsteams und Pflegedienste bei der Betreuung zusammen arbeiten. Dabei erinnert der Mediziner an Anstrengungen von Ärzten in der Region, die Kooperation zu verbessern: „Kürzlich haben sie sich im Rahmen eines ,Offenbacher Forum Diabetologie’ getroffen; dabei wurden die vielfältigen Schwierigkeiten bei der Betreuung älterer Diabetiker diskutiert.“

Ein großes Problem: Längst nicht alle Diabetiker-Senioren werden als solche erkannt. Da die Erkrankung im Alter häufig kaum oder keine spezifischen Symptome auslöst, wird sie mitunter spät oder zufällig entdeckt. Die Knackpunkte: „Diabetiker in hohem Alter leiden häufig an zusätzlichen Beschwerden, über die sie nicht zu sprechen wagen, etwa an einer Stuhl- und Harninkontinenz, an Verstopfung oder Schlafstörungen; oftmals werden diese Symptome verschlimmert durch die Einnahme unzähliger Medikamenten“, erläutert der Mediziner. „Und das große Problem der wachsenden Zahl von Demenzkranken, die eben auch an Diabetes leiden, darf nicht vergessen werden“, fügt Sahm hinzu. Wichtig sei es, die Behandlungsziele für Senioren realistisch einzuschätzen. „In vielen Fällen ist eine Therapie, die den Blutzucker normalisieren soll, bei älteren Menschen nicht durchführbar“, so der Chefarzt: „Weniger  ist dann oft besser.“

Für Patienten ohne Begleiterkrankungen in sehr gutem Zustand könne eine intensive Therapie des Diabetes eingeleitet werden. „Diese Patienten sind oft sehr aktiv. Die Behandlung soll so ausgerichtet werden, dass sie Sport treiben können, reisen können und ihre Flexibilität erhalten bleibt. Folgekrankheiten des Diabetes - an den Blutgefäßen oder dem Herzen, die gefürchteten Durchblutungsstörungen - gilt es zu verhindern.“ Anders sehe es bei Älteren mit Einschränkungen von Organfunktionen aus. Sahm empfiehlt eine behutsame Vorgehensweise. Es komme nicht darauf an, den Zuckerwert im optimalen Bereich zu halten; vielmehr gehe es darum, die vielfältigen Beschwerden zu lindern und Komplikationen an den Gefäßen zu verhindern.

Und dann gibt es die Menschen mit schweren Begleiterkrankungen oder diejenigen, die sehr hoch betagt sind. Der Arzt: „Einziges Ziel ist es bei ihnen, stark überhöhte Zuckerwerte oder eine Unterzuckerung zu vermeiden. Alle Anstrengungen müssen allein darauf ausgerichtet sein, die Lebensqualität zu erhalten. Übertriebener therapeutischer Aktivismus richtet dann nicht selten Schaden an. Immer müssen realistische Therapieziele definiert werden. Dazu müssen gelegentlich vielfältige Hilfsmaßnahmen durch Pflegedienste oder Schulungen von Angehörigen eingeleitet werden.“

Quelle: op-online.de

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