Expertin sieht Gratisarbeit skeptisch

„Ängste sind berechtigt“

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Claudia Pinl sieht Fehlentwicklungen in der deutschen Ehrenamtskultur.

Offenbach - Immer häufiger wird derzeit die Frage gestellt, ob das Ehrenamt auch zum Jobkiller werden kann. Die Journalistin Claudia Pinl zerstört in ihrem Buch „Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit“ (Nomen-Verlag, Frankfurt) das hehre Bild des „bürgerschaftlichen Engagements“.

Sie appelliert an die Politik, öffentliche Aufgaben im Sozialen, in der Bildung und im Kommunalen wieder öffentlich finanzierbar zu machen. Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Claudia Pinl nach:

Wie stehen Sie zu den Befürchtungen „Ehrenamt als Jobkiller“. Sind die Ängste berechtigt?

Ja, Ängste, die Ausbreitung von Ehrenamtlichkeit stelle eine Gefahr für bezahlte Arbeit dar, sind berechtigt, und das gleich mehrfach: Wenn Wohlfahrtsverbände oder Kommunen „einfache“ Arbeiten wie Essen ausfahren oder städtische Grünanlagen pflegen, auf Ehrenamtliche verlagern, nehmen sie wenig qualifizierten Arbeitslosen die letzten Erwerbschancen. Aber auch bei qualifizierten Tätigkeiten wie die ehrenamtliche Leitung von Büchereien werden Arbeitsplätze eingespart. Und die Arbeit von hauptberuflichen Pflegekräften wird abgewertet, wenn alles, was mit Zuhören, Empathie, kurz Beziehungsarbeit, aus den Dienstplänen wegrationalisiert und auf Ehrenamtliche outgesourct wird.

Kennen Sie aktuelle Beispiele, die Befürchtungen des Jobabbaus bestätigen?

Zum Beispiel „KiWi“ , Kinderwillkommen-Besuche in den Familien von Neugeborenen hier in Köln; meines Erachtens ist das eine Aufgabe für ausgebildete Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterinnen, tatsächlich wird sie aber von Ehrenamtlichen nach einer Kurzausbildung erfüllt.

Immer wieder werden in der Debatte auch die Freiwilligendienste ins Spiel gebracht...

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Viele sehen in Ehrenamt auch Jobkiller

Ja! In den ostdeutschen Bundesländern ist der Bundesfreiwilligendienst eine Alternative zur Erwerbslosigkeit, zumal es ein Taschengeld gibt. Dafür darf man dann einen 40-Stunden-Job im Altenheim oder der Behinderten-Werkstatt absolvieren. Die Arbeit ist also da, nur bezahlen will dafür niemand mehr, jedenfalls keine Gehälter, von denen man existieren kann. Auch in den westlichen Bundesländern greift das sogenannte „monetarisierte Ehrenamt“ um sich: Dienst im Alten-Café, Besuche in den Familien von Demenzkranken - das wird häufig nach der Übungsleiter-Pauschale des Einkommensteuergesetzes entlohnt, das heißt bis zu 200 Euro im Monat steuer- und abgabenfrei.

Welche Lösung für die von Ihnen beschriebene Misere schlagen Sie denn vor?

Eine Trennungslinie muss deutlich gezogen werden - zwischen bürgerschaftlichem Engagement im Sinne von politischer Einmischung, Zivilcourage, Initiativen im Umweltschutz oder bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus einerseits und andererseits der Ausnutzung von Engagement, um die Löcher im Netz der sozialen Sicherung zu stopfen.

Quelle: op-online.de

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