Alliierte und Bundeswehr belauschten Feind

Das Agentennest ist leer

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Der Sternenhimmel auf diesem Bild ist überwältigend, es geht aber um die Radarkuppel.

Gersfeld - Wie ein überdimensionaler Fußball thront das 24 Meter hohe kugelförmige Gebäude auf der Wasserkuppe, der höchsten Erhebung Hessens. Die graue Fassade der Radarkuppel glänzt in der Sonne. Von Anton H. Dorow

Aber sie fängt längst keine Funksignale mehr ab, das frühere Agentennest ist leer. Inzwischen hat sich die einstige Abhörstation der Alliierten und der Bundeswehr auf dem 950 Meter hohen Berg zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt.

Marc-Alexander Glunde hält die Erinnerung an das Radom wach.

Marc-Alexander Glunde (36) heißt der Mann, der die Erinnerung an die Kuppel wachhalten will. Sie wird auch Radom genannt, das ist ein Kunstwort aus „radar dome“ für „Radarkuppel“. „Das Radom hat mich schon immer fasziniert“, sagt der Sozialpädagoge aus Gersfeld. Und überhaupt ließen sich an Hessens höchstem Berg viele Episoden der Segelflug- und Militärgeschichte nacherzählen - von den ersten Segelflügen ab 1911 über die Nazizeit, den Umbau der Segelflugschule zur Kaserne bis hin zu den Spionage- und Abhörtätigkeiten im Kalten Krieg. „Das Interesse an diesen Themen ist groß“, sagt Glunde. Er und andere Radom-Freunde bieten mehrfach im Monat rund zweistündige Touren an. Rund 8000 Besucher kommen nach seinen Angaben pro Jahr.

Rund ein Dutzend Soldaten im 24-Stunden-Dienst

Bei einer der jüngsten Touren finden sich mehr als 40 Besucher an der Anlage ein, wo hinter dem Lkw-großen Eingangstor des Radom-Gebäudes für sie eine Zeitreise in den Kalten Krieg beginnt. Neugierig schieben sie sich durch das enge, von Neonlampen erhellte Treppenhaus und blicken in die ausgeschlachteten Hallen, wo einst sensible Überwachungselektronik und die 50 Quadratmeter große Antenne standen.

In der Abhöranlage arbeitete rund ein Dutzend Soldaten im 24-Stunden-Dienst. Es muss ein bisschen wie im Gefängnis gewesen sein: Die 35 Zentimeter dicken Mauern waren aus Stahlbeton, keiner der 7,50 Meter hohen Räume hatte Fenster. Die Abhörarbeit fand ohne Tageslicht und bei gleichbleibenden Temperaturen statt. „Im Winter war das schon anstrengend“, sagt Glunde. Das Kasernen-Areal war mit hohen Zäunen und Stacheldraht gegen unliebsame Besucher gesichert.

Hessens höchster Berg als Horchposten

Röntgenstrahlung war die Waffe gegen den Feind. Der Luftraum der gesamten DDR, halb Polens und Frankreichs sowie der Alpen konnte mit dem Radargerät überwacht werden: Rund 1500 Flugzeuge hatten die Abhörspezialisten als kleine Lichtpunkte zeitgleich auf dem Bildschirm und werteten die Daten aus, wie Norbert Demel erklärt. Der Stabsfeldwebel a.D. hat 15 Jahre lang auf der Wasserkuppe als Elektronik-Spezialist gearbeitet und führt ebenfalls durchs Radom. In einem mehrstufigen Auswertungssystem seien die wichtigsten Informationen an übergeordnete Dienststellen weitergeleitet worden.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Hessens höchster Berg Horchposten. Zeitweise standen fünf Radoms auf dem Gipfel. Das erste ging laut Heimatforscher Joachim Jenrich 1962 in Betrieb. Die Lage war ideal: Die Wasserkuppe ist die höchste Erhebung in der Region, die innerdeutsche Grenze nur fünf Kilometer entfernt. Ähnliche Kuppeln gab und gibt es unter anderem in Putgarten auf Rügen, dem Gipfel des Großen Arbers in Bayern und auf dem Brocken im Harz.

24 Millionen Mark teuere Technik

Das letzte und heute noch bestehende Radom auf der Wasserkuppe wurde 1990 errichtet. Zum Einsatz kam es nie. Denn nach dem Fall der Mauer änderte sich alles. 1998 gab die Bundeswehr die Radar-Station und die Kaserne endgültig auf. Das markante Gebäude blieb stehen - weil sich Bundesrepublik und Hersteller des Radargeräts in einen jahrelangen Rechtsstreit verwickelten.

Erst 2003 wurde die 24 Millionen Mark teuere Technik installiert - und ein halbes Jahr später wieder abgebaut. Heute steht die Radaranlage auf dem militärischen Teil des Berliner Flughafens Tempelhof. Das Gebäude und das Gelände fielen an die Stadt Gersfeld, die das Radom eigentlich habe abreißen und das Gelände renaturieren wollen. Die Kleinstadt liegt mitten in einem Biosphärenreservat.

Radom heute ein Ort der Kultur

Es regte sich jedoch Widerstand. „Das Radom ist eine Landmarke in der Region“, sagt Glunde. Das Gebäude habe einen hohen Identifikationswert und dürfe nicht abgerissen werden. Enthusiasten gründeten eine gemeinnützige Gesellschaft, pachteten das Gelände und bauten das Gebäude um. Seit rund vier Jahren ist es für die Öffentlichkeit zugänglich und Kulturdenkmal. Besucher können auf einem 60 Meter langen und 3 Meter breiten Rundlauf an der Außenwand des 24 Meter hohen Radoms entlang spazieren und die Aussicht in den Vogelsberg, nach Nordhessen, Thüringen und Bayern im 360-Grad-Panorama genießen.

Infos auf der Internetseite des Radoms

Statt Luftüberwachung rund-um-die-Uhr ist das Radom heute ein Ort der Kultur: Regelmäßig werden Konzerte in der Kuppel organisiert, Künstler stellen aus. „Die Akustik ist einmalig“, sagt Glunde. Durch die Wölbung entstehe ein achtfaches Echo, was die eigene Stimme bis zu eineinhalb Sekunden nachhallen lässt. „Da ist das Ja-Wort besonders fest“, sagt Glunde augenzwinkernd. Sogar eine Trauung habe es in dem Kugelbau bereits gegeben. Nebenan im Funktionsgebäude hat ein Drachen- und Gleitschirmfliegerverein sein Vereinsheim.

Quelle: op-online.de

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