Im AfE-Turm der Goethe-Uni Graffiti gesammelt

„Der Spaß ist raus“

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Schmude war Student der Goethe-Universität, aber nicht nur. Er hat die Graffiti von mehreren Studentengenerationen an den Wänden des AfE-Turms gesammelt.

Frankfurt - Als der legendäre Universitätsturm mitten in Frankfurt bei der Sprengung mit einem lauten Getöse in sich zusammenfällt, werden nicht nur Treppenhäuser, Seminarräume und Aufzugschächte hinabgerissen, sondern auch Hunderte von Graffiti auf den Wänden.

„Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“ seien diese farbigen Sprüche, sagt Albert Schmude, der bereits 1981 über 1000 und nun erneut Hunderte von ihnen gesammelt und veröffentlicht hat. Dem Betonklotz weine er zwar keine Träne nach, sagt der 62-Jährige im Interview. Die Sprüche von mehreren Studenten-Generationen sind für ihn dagegen auch ein Dokument ihrer Zeit, oft pfiffig und geistreich, teils nachdenklich, nicht selten pornografisch - und leider auch immer wieder gewaltverherrlichend.

Wie häufig haben Sie denn schon irgendwo einen Spruch an die Wand gekritzelt?

Ehrlich gesagt, nur ein Mal. Allerdings nicht auf eine Wand, sondern auf einen Tisch, wenn ich mich richtig erinnere. Ich habe ein bereits existierendes Graffiti, mit dem ich nicht einverstanden war, kommentiert.

Sie haben 1981 etliche Sprüche gesammelt, vor dem Abriss ein weiteres Mal. Geht es dort auch vor allem um das Kommentieren?

Absolut. Es gab nicht nur diese Dummheiten, Banalitäten und Wortspiele wie „Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt, ist verrückt“ oder „Wer kein Kapital hat, liest es“. Sondern es gab teilweise ganze Argumentationsketten, die immer absurder wurden. Hier mal 19 Synonyme für Geschlechtsverkehr, direkt daneben eine literarische Abhandlung über diese Wörter. Auf einer Toilette fand ich eine Kommentierung über den Positivismus, 300 Worte lang. Da findet eine Kommunikation statt zwischen Leuten, die sich nicht kennen. Heute gibt’s das auf Facebook, damals aber auf einer Wand, die ja ein Symbol für Trennung ist.

Sprengung des AfE-Turms

Waren die Studenten-Graffiti 1981 geistreicher als heute?

Ich habe 1981 rund 1200 Turmsprüche in allen möglichen Sprachen gesammelt und ein „Best of“ ins Buch gebracht. Im Sommer 2013 war ich nochmal in allen 33 Stockwerken, in allen Aufzügen, allen Toiletten, auch bei den Damen, weil ich ja den Turm im heißen Sommer für mich hatte. Mein Fazit zu 1981 und heute: Der Spaß ist raus.

Die Studenten werden also ernster?

Damals wie heute dominierten die politischen Sprüche, mehr als die Hälfte war so. „Wir wollen kein Stück vom Kuchen! Wir wollen die ganze Bäckerei“ zum Beispiel oder „Tschüss Ihr Affe, isch geh schaffe“. Es gab damals auch wirklich lustige, flapsige Graffiti, Wortspiele, über die man herzlich lachen konnte. Zuletzt habe ich deutlich nachdenklichere Sprüche gefunden, Sprüche über Unwohlsein, viel Graffiti behandelt auch den Turm selbst wie „Turm, ich will ein Kind von Dir“ oder „Turm Forever“. Bedenklich ist, dass es damals wie heute gewaltverherrlichende, intolerante Sprüche gab. Das ist knallharter Tobak, der an den Wänden einer Bildungsinstitution stand.

Hier fällt der AfE-Turm in Frankfurt

Hier fällt der AfE-Turm in Frankfurt

Haben Sie sich bei Ihren Spaziergängen durch den Turm auch mal vorgestellt, wie die Künstler ausgesehen haben?

Natürlich überlegt man sich, wer Abhandlungen auf Toilettentüren schmiert. Beim Aufruf zur Mai-Demo oder zur Feminismusdebatte hat man ein konkretes Bild im Kopf, bei einem Philosophenspruch vielleicht auch. Vor allem aber ist mir angesichts der Sprüche bewusst geworden, dass sie sich zusammenfassen lassen zu einem Spiegelbild von zwei studentischen Gesellschaften.

Sie haben allerdings auch mal gesagt, ihr Verhältnis zu diesen Sprüchen sei zwiespältig. Warum eigentlich?

Aus einfachem Grund: Es handelt sich um Sachbeschädigung.

dpa

Quelle: op-online.de

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