Helden der Neunziger

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DuVall und Cantrell harmonierten in jeder Sekunde des Konzertes einwandfrei

Es war ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiger und nostalgischer Abend am Samstag im restlos ausverkauften Schlachthof Wiesbaden. Das Publikum war größtenteils alt genug, die letzte Tour der Band auch schon biertrinkend vor der Bühne erlebt zu haben, Neumodische Konzerterscheinungen wie "Wall of death" und "Circle Pit" blieben erfreulicherweise auch aus, so dass man sich mit geschlossenen Augen durchaus auf einer Alice in Chains Tour Mitte der Neunziger Jahre wähnen konnte.  Von Marcus Egi

Mit geschlossenen Augen deshalb, weil der ursprüngliche Sänger Layne Staley 2002 im Alter von 34 Jahren viel zu früh verstarb und die Band fast vierzehn Jahre brauchte, um nach der letzten Studio-CD 1995 im September diesen Jahres ihr aktuelles Album "Black Gives Way To Blue" vorzulegen. Seit 2006 hat sich Alice in Chains auf den neuen Sänger/Gitarristen William DuVall festgelegt, dessen warme wie auch in den richtigen Momenten eindringliche Stimme sich erstaunlich nach seinem Vorgänger anhört und es dem Fan einfach macht, sich an den Alice-in-Chains-Hörgewohnheiten festzuhalten.

Schlachthof Wiesbaden:

www.schlachthof-wiesbaden.de

Die hervorstechendste Qualität der Band waren eh und je intensive Rocksongs mit schwermütig-depressiven Melodien und Texten und so begann die Band, die an diesem Abend auf eine Vorgruppe verzichtete, ihr Set mit "Rain When I Die" denn auch mit einer stimmungsvollen Halbballade, nur um als nächsten Song "Them Bones" anzubieten, eine von der Rhythmusgruppe Sean Kinney und Mike Inez gradlinig vorangetriebene Rocknummer. William DuVall fühlte sich auf der Bühne wohl, mit selbstsicherer Pose und sichtlichem Spaß an den Songs trug er Hits der aktuellen CD wie "Check My Brain" und "Your decision", zu dem er sich auch erstmals am Abend die Gitarre umschnallte, ebenso souverän vor wie "Love Hate Love" oder "It Ain´t Like That" von der 18 Jahre alten Debut-CD der Band.

Gitarrist Jerry Cantrell zeigte sich an diesem Abend ungewohnt wortkarg und überließ immer wieder dem neuesten Bandmitglied die Ansagen, DuVall sprach nicht viel mit dem Publikum, erreichte es aber mit einer klischee-und pathosarmen Präsenz dennoch bis in die hinteren Reihen und sorgte dafür, dass die größten Hits der Band "Man In The Box", "Angry Chair" und "Would?" artig mitgesungen wurden. Im Mittelteil des Konzertes wurde das Tempo dann bewusst von der Band rausgenommen. Die Akkustikgitarren wurden angeschlagen zu den Songs "Down In A Hole", "No Excuses" und dem Titelsong des neuen Albums, an dessen Ende über die hinter Drummer Sean Kinney installierte Videowand nicht die üblichen Aufnahmen von langsam dahinfliessender Lava oder Zellteilungen sondern ein Standbild des verstorbenen Layne Staley zeigte, frenetisch bejubelt von der faszinierten Fanschar. Mit "God Am" begann danach der letzte Abschnitt des Konzertes vor dem Zugabenteil, in dem die Band mit "Acid Bubble", "All Secrets Known" und " A Looking In View" noch einmal beste Werbung für das grandiose Comeback-Album betrieb. Als Zugaben wurden dann noch "Lesson Learned" und die beiden "Dirt"-Kracher "Would?" und "Rooster" in die mit ihrem kargen Industriecharme absolut stimmige Location Schlachthof gerockt, bevor sich die Band sichtlich vom Gig gezeichnet mit einer artigen Verbeugung von der Bühne verabschiedete und die Fans in der Hoffnung zurückließ, dass dieser Abend und diese Reunion-Tour nicht eines der letzten Lebenszeichen dieser fantastischen 90er-Jahre Helden sein möge.

Quelle: op-online.de

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