Hafenwache 40 in Frankfurt

Alles klar zum Tauchen im Main

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Alles klar zum Tauchen, heißt die Geste, die Martin Lischka mit den Fingern zeigt.

Frankfurt - Wenn Menschen im Fluss oder See vermisst werden, dann kommen die Taucher der Wache 40 von der Frankfurter Feuerwehr zum Einsatz. Das Retten von Menschen und Tieren steht meist im Fokus dieser Einheit, aber auch das Bergen von Leichen gehört dazu. Von Ingrid Zöllner

Um für den Notfall gerüstet zu sein, müssen die Feuerwehrmänner regelmäßig unter Einsatzbedingungen üben.

Die Sonne scheint an diesem Morgen, im Mainwasser spiegelt sich das Ufer. „Das sind schon mal gute Bedingungen“, freut sich Ralf Ranitsch, der als Erster abtauchen wird. Doch zuvor gibt es für die acht Männer beim Übungsgelände am Wasser-Sport-Club Kaiserlei ein zünftiges Frühstück: Bratkartoffeln mit Spiegelei und Butterbrote liefern die Energie, die später gebraucht wird. Der Tag hat für die Männer schon früh mit einem richtigen Einsatz begonnen. Nicht alle von ihnen sind als Taucher ausgebildet, sie arbeiten in erster Linie als Feuerwehrmänner.

Mit von der Partie sind auch Bootsführer Jürgen Seipel und Martin Lischka von der Wache 41, sie sind mit dem Rettungsschnellboot (RSB) gekommen. Vom RSB aus wird die Übung beginnen. Auch Lischka ist ausgebildeter Taucher. In der Wache 41 ist neben dem RSB auch das Feuerlöschboot stationiert. „Wenn ein Alarm eingeht, dass sich eine Person im Main befindet, werden beide Einheiten alarmiert“, erklärt Wasserrettungs-Zugführer Bernd Mattern. „Wir Taucher fahren mit unserem Einsatzwagen vor Ort und steigen im Regelfall vom Ufer aus ins Wasser.“ Ist das Opfer jedoch mehr als 60 Meter vom Ufer entfernt, brauchen die Männer das Boot. „Wir haben selbst einen Bootswagen. Wenn wir zum Beispiel zum Langener Waldsee oder an die Nidda gerufen werden, können wir mit einem Kran das Boot an jeder Stelle zu Wasser lassen“, erklärt Mattern. Denn das sind Orte, zu denen das RSB im Normalfall nicht hingelangt. Sein Einsatzgebiet ist allein der Main.

Ab in die Neoprenanzüge

Die Taucher stehen über die gelbe Leine stets in Verbindung mit ihrem Signalmann.

Nach dem Frühstück schlüpfen die Männer in ihre Neoprenanzüge. Seipel startet den Motor, es geht ein Stück hinaus auf den Main. Allerdings nicht weit. Weil der Anker im Boden nicht greifen will, werden die Seile an einer Yacht befestigt. Der Yachtclub hat eine Bitte: Wenn die Taucher sowieso gerade da sind, könnten sie doch mal nach dem Anker des Pontons schauen. Der liegt womöglich falsch, zudem hat sich eine Boje gelöst, das Seil treibt aber noch im Wasser. Kein Problem.

Ranitsch und Lischka ziehen die restliche Ausrüstung an. Rund 50 Kilo wuchten sie mit Atemluftflaschen und Blei-Elementen auf den Rücken. Beim Anziehen der ohnmachtssicheren Vollgesichtsmaske, der Handschuhe und der Flaschen erhalten die Taucher Hilfe von ihren Kollegen. Leicht vornüber gebeugt, marschieren Ralf Ranitsch und Martin Lischka zum Schiffsbug. Das RSB hat dort eine Klappe, die ausgefahren wird. Darüber können die Taucher nicht nur direkt ins Wasser gleiten, sondern auch Menschen aus dem Wasser ziehen.

Ranitsch setzt sich an den Rand und rutscht vorsichtig ins 15,4 Grad kalte Wasser, sein Kollege folgt ihm. Beide haben eine knallgelbe Signalleine um den Bauch geschlungen. Über diese Leine bleiben sie mit ihrem Signalmann an der Oberfläche in Verbindung. „Je nachdem, wie oft an dem Seil geruckt wird, bedeutet das entweder, das alles in Ordnung ist, Auftauchen oder Notfall“, erläutert Mattern. Im Notfall können verunglückte Taucher darüber wieder heraufgezogen werden. Außerdem steht immer ein Ersatztaucher zur Verfügung, falls dem anderen etwas zustoßen sollte. Daher sind mindestens vier Mann im Einsatz, zwei Taucher und zwei Signalmänner.

Constantin Scholz hält die Leine von Ranitsch straff gespannt in der Hand, bei Lischka ist Marcus Lövenich der Signalmann. Stück für Stück verschwinden die Köpfe im Wasser, bis nur noch Luftblasen zu sehen sind.

Zehn Übungstauchgänge in offenen Gewässern

Jedes Jahr müssen die Taucher der Hafenwache zehn Übungstauchgänge in offenen Gewässern wie Flüssen oder Seen absolvieren. Für die Wasserrettungs-Zugführer wie Mattern sind es 15. Außerdem steht jährlich beim Arzt die Tauchtauglichkeitsprüfung an. Wer sich bei der Hafenwache zum Taucher ausbilden lassen will, der besucht einen sechswöchigen Lehrgang. Was im Schwimmbad beginnt, setzt sich später im Tauchturm der Wache fort, der einen Durchmesser von drei Metern aufweist. „In dem Turm üben die Taucher die Tiefe. Der Main ist zum Beispiel an bestimmten Stellen – wie der Tauchturm – bis zu zwölf Meter tief. Die Fahrrinne dagegen liegt bei 2,90 Metern“, sagt Mattern.

Jürgen Seipel von der Wache 41 steuert das Rettungsschnellboot.

Wenn die Taucher im Freien sind, üben sie in der Regel sogenannte Kreisbögen. „Der Signalmann steht mit straffer Leine am Ufer, und der Taucher schwimmt im Wasser einen Halbkreis und tastet mit den Armen den Boden ab. Danach wird die Leine Stück für Stück verlängert“, erklärt der 47-Jährige. Denn die Sicht in den Gewässern ist nicht immer die beste. Meist kann der Taucher bis auf wenige Zentimeter vor seinen Augen gar nichts erkennen. Wenn er dann auch noch mit den Armen Schlamm aufwirbelt, ist es mit der Sicht ganz vorbei. Bis zu 60 Meter reicht die Leine nach draußen.

Mitunter üben sie auch mit einer Puppe, die gerettet werden muss. Oder es zieht sich einer der Feuerwehrmänner einen Überlebensanzug an, springt ins Wasser und lässt sich dann von seinen Kollegen retten.

In Not geratene Tiere beschäftigen die Retter ebenfalls. „Gerade Schwäne sind häufig betroffen. Letztens ist einer gegen eine Wehranlage geflogen“, erzählt Mattern. In diesen Fällen arbeitet die Feuerwehr auch mit der UNA-Tierrettung zusammen. Ein anderes Mal wurde die Hafenwache alarmiert, weil ein Schiff bei einem Bootsbauer beim Zu-Wasser-Lassen leckgeschlagen war und im Wasser trieb.

Auch die Personenrettung ist vielfältig: Die Palette reicht vom Kind, das im Eis einbricht, über Autofahrer, die in den Main rollen, bis zu Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – im Flusswasser schwimmen. „In Frankfurt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir jemanden lebend retten. Müssen wir dagegen außerhalb tauchen, stellen wir uns darauf ein, dass wir nur noch eine Leiche bergen können.“

Leichenbergung hat es in sich

Und die Leichenbergung hat es in sich. „Das Medium Wasser ist dem Menschen nicht immer freundlich gesonnen“, sinniert Mattern und erinnert sich an seine erste Wasserleiche: eine Frau, die seit mindestens vier Wochen im Wasser trieb. Dabei muss sie noch unter eine Schiffsschraube geraten sein. Der Anblick sei schwer zu ertragen gewesen. „Da kann einem schon der Appetit vergehen“, meint er. Das Mittagessen habe er an diesem Tag jedenfalls nicht mehr angerührt. Nach solchen Einsätzen können die Taucher psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. „Oft hilft es aber schon, wenn man sich mit seinen Kollegen darüber austauscht“, sagt er.

Inzwischen sind Ranitsch und Lischka am Anker angekommen. Die Luftblasen verraten ihre Position. Es dauert nicht lange, da taucht Ranitsch mit einem grünen Seil in der Hand auf, das er mit seinem Messer durchgeschnitten hat. Von der Boje ist nur noch die Befestigung übrig. „Der Anker liegt richtig, er hat im Boden allerdings nicht gegriffen“, berichtet der 46-Jährige. Der zweite Anker hält den Ponton fest, von ihm sollen die Boje und das Seil ebenfalls entfernt werden. Auch das wird erledigt.

Nach etwa einer halben Stunde tauchen die zwei wieder auf. „Die Sicht ist heute wirklich genial, bis zu 50 Zentimeter ohne Taschenlampe“, erzählt Ranitsch begeistert. Sogar einige Fische konnte er sehen. „Ich halte auch immer Ausschau nach Gegenständen, die für die Schifffahrt gefährlich werden könnten wie Fahrräder, Leinen, Taue und Autos.“

Bei Wind und Wetter ins Wasser

Die Taucher gehen bei Wind und Wetter ins Wasser. „Im Wasser ist das kein Problem. Bei Schnee und Eis ist es höchstens unangenehm, wenn man aus dem Wasser wieder herauskommt“, erzählt er. Oder wenn die Oberfläche von einer Eisschicht bedeckt ist. „Muss man dann das Einstiegsloch suchen, ist das problematisch. Wir sind zwar über die Leine verbunden, aber es kann auch Fälle geben, in denen wir uns unter Wasser davon befreien müssen, weil sie zum Beispiel irgendwo festhakt“, berichtet der 46-Jährige. In Panik ist er aber noch nie geraten: „Dann wäre das nicht der richtige Job für mich.“ Er liebt seine Arbeit, die freilich auch ihre Schattenseiten hat. „Es ist ein absoluter Horror, wenn wir Kinder suchen müssen“, sagt Ranitsch, der selbst Vater ist.

Beide Taucher hieven sich mit Hilfe ihrer Kollegen wieder an Bord. Das Boot legt ab und fährt wieder zurück. Da alle an diesem Tag üben, ziehen sich die anderen ebenfalls um. Sven Hanel, Marcus Lövenich und Bernd Mattern steigen dieses Mal vom Ufer aus ins Wasser. Sie überprüfen an einer Yacht, ob mit dem Schiffsrumpf alles in Ordnung ist. Auch sie bleiben rund eine halbe Stunde unter Wasser und können keine Mängel feststellen.

Die Übung ist damit abgeschlossen, auf die Männer wartet in der Wache aber noch genug Arbeit. Die Ausrüstung muss ausgetauscht, gereinigt und desinfiziert werden. Damit es keine Missverständnisse gibt, hängt einer der Männer an die Atemluftflaschen ein Schild mit der Aufschrift „leer“. Diese Flaschen müssen durch volle ersetzt und wieder aufgefüllt werden. Rund zwei Tage dauert es, bis die benutzte Ausrüstung wieder einsatzbereit ist. Der nächste Notfall kommt bestimmt.

Quelle: op-online.de

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