Und alles nur wegen der Fuge

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Ingenieur Stefan Reuter (li.) vom Amt für Straßen- und Verkehrswesen sowie Günter Riekert von der Autobahnmeisterei Rodgau präsentieren den Patienten: die Kaiserleibrücke. Die Bauarbeiten an der in Richtung Langen führenden Spur der A661 beginnen heute.

Frankfurt ‐ „Papam!“, „Papapapam!“, „Papam!“. Dieses Geräusch dürfte in den kommenden Wochen für akute Staugefahr rund um die Kaiserleibrücke sorgen. Von Michael Eschenauer

Wegen Bauarbeiten wird die in Richtung Egelsbach führende Spur der A661 auf der über den Main führenden Brücke von drei auf zwei Spuren verengt. Einen Monat werden die Arbeiten dauern. Ab 10 Uhr soll die Engstelle morgen früh „scharf“ gemacht werden.

Und das alles nur wegen Dingern, die auf den sperrigen Namen „Übergangskonstruktion“ hören. 24 davon gibt es - allein für die Fahrbahn in Richtung Süden. Die aus Metallteilen, dicken Schrauben, Hartplastik und Gummi bestehenden Vorrichtungen in verschlossenen Räumen unter der Brücke sind unscheinbar, machen aber, wenn sie kaputt sind, infernalischen Lärm. Das hält man nur mit Ohrenschützern aus. „Papam!“, „Papapapam!“, „Papam!“.

Das sind die schweren Laster, die oben drüberrollen“, sagt Stefan Reuter, beim Amt für Straßen- und Verkehrswesen Frankfurt verantwortlich für die Überwachung der 500.000 Euro teuren Sanierungsarbeiten an der 1964 erbauten Brücke. „Wenn wir jetzt nichts tun, wird es gefährlich“, sagt Günter Riekert von der Autobahnmeisterei Rodgau, der sich um rund 900 Straßenbauwerke in der Region kümmert - unter anderem auch um die Kaiserleibrücke. Um sie zu schonen, hat man vorsichtshalber bereits seit einem halben Jahr für den Schwerlastverkehr Tempo 40 vorgeschrieben.

Sie stabilisieren die Dehnungsfuge in der Fahrbahn der A661 und federn sie nach unten ab. 24 dieser Konstrukte aus Stahl, Hartplastik und Gummi müssen ausgetauscht werden.

Die 24 „Übergangskonstruktionen“ sind extrem wichtig. Grund ist die Eigenschaft der Kaiserleibrücke, bei verschiedenen Temperaturen ihre Länge zu ändern. Das machen andere Brücken zwar auch, bei der 220 Meter langen Mainüberquerung zwischen Offenbach und Frankfurt aber kommt so einiges zusammen. „Bei extremen Temperaturunterschieden wie zwischen plus 40 und minus 40 Grad Celsius kann der Längenunterschied bis zu 26 Zentimeter betragen“, so Reuter. Damit die Brücke nicht auseinanderbricht, befinden sich auf beiden Seiten Dehnungsfugen mit Lamellen. Sie sorgen für die Flexibilität der eigentlich starren Brückenplatte. Wie eine Ziehharmonika sind da, wo die 26 Meter hohen Brückenbögen enden, von einer Straßenseite zur anderen mehrere Metallschienen nebeneinander im Asphalt versenkt. Gummi-Muffen verbinden sie untereinander und schließen die Fahrbahndecke. Etwa drei Zentimeter dicke Gummisockel dienen unten in der Brückenkonstruktion als Stoßdämpfer und Lagerung der Ziehharmonika. Sind sie kaputt, wird es laut.

Schlimmstenfalls reißen die Lamellen

Die Belastungen an den Übergängen sind gewaltig. Zur Rush-Hour, so Riekert, passieren stündlich 3000 Fahrzeuge die Stellen. In Richtung Bad Homburg sind es 4500. „Die Gummiblöcke sind jetzt weggebrochen oder gerissen, so dass die auf ihnen befestigten Lamellen flattern und teilweise in der Luft hängen, wenn die Autos drüberfahren“, so Reuter.

Gleitlager nennt sich die massive Vorrichtung auf dem Foto: Zwei dieser horizontal verschiebbaren Stützen tragen das Gewicht der Kaiserleibrücke auf der Nordseite.

Schlimmstenfalls reißen die Lamellen. Dann drohen 20 bis 30 Zentimeter breite Öffnungen in der Fahrbahn. „Ich müsste die A661 sofort sperren lassen“, so Riekert. Zuletzt wurden die Übergangskonstruktionen im Jahr 1984 erneuert. Besonders schlimm ist die Lage auf der südlichen Brückenseite. Hier wird die gesamte Lagerung samt Zieharmonika komplett ausgebaut und durch eine wartungsfreie Vorrichtung ersetzt. Auch auf der Frankfurter Seite kommt alles raus. Bekannt ist der Schaden seit Mitte vergangenen Jahres.

Drei bis vier Tage werden die Autofahrer brauchen, um sich an die Veränderungen zu gewöhnen“, schätzt Reuter. Er rät den über die Hanauer Landstraße aus der Frankfurter Innenstadt am Ratsweg auf die A661 einbiegenden Autofahrern, beide zur Verfügung stehenden Beschleunigungsstreifen bis zum Ende auszunutzen. „Auf diese Weise lässt sich ein Rückstau und eine Totalblockade des Ratswegkreisel verhindern.“ Dass es eng wird, ist klar: Nicht nur eine von drei Fahrspuren fällt über eine Entfernung von 300 Metern weg, auch die Breite der Spuren ist erheblich reduziert worden.

Hier ist die in die Fahrbahn eingelassene Dehnungsfuge zu erkennen.

Auch im nächsten Jahr wird die Kaiserleibrücke immer wieder in den Staumeldungen der Verkehrssender auftauchen. Wie Riekert und Reuter ankündigten werden ab März/April die beiden sich an die Kaiserleibrücke auf Offenbacher Seite anschließenden Brückenabschnitte saniert. Es handelt sich um die kleinere Kaiserstraßenbrücke und um die Brücke über den Strahlenberger Kreisel. Außerdem müssen die Übergangsbauwerke auf der Richtung Bad Homburg im Norden führenden Seite der Kaiserleibrücke ebenfalls erneuert werden.

„Papam!“, „Papapapam!“, „Papam!“, an der Kaiserleibrücke wird man als Autofahrer weiter Gelassenheit und einen kühlen Kopf bewahren müssen.

Quelle: op-online.de

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