Zu alt, zu teuer - zu Hause?

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Michael Ziegelmayer

Offenbach ‐ Ausgegrenzt, gemobbt, weggeekelt: Immer mehr ältere Arbeitnehmer müssen Fachleuten zufolge nicht nur um ihren Job fürchten - sie werden gezielt attackiert.

Weil sie Verträge und Löhne aus besseren Zeiten haben und den Unternehmen heute zu teuer sind. Experten schätzen den volkswirtschaftlichen Schaden durch Mobbing und soziale Spannungen am Arbeitsplatz auf jährlich mehr als 20 Milliarden Euro. In Baden-Württemberg hat die Deutsche Rentenversicherung eine bundesweit einmalige Mobbing-Hotline eingerichtet. Fast die Hälfte der Anrufer ist älter als 45 Jahre. Mit dem Psychologen und Hotline-Mitarbeiter Michael Ziegelmayer sprach unser Redaktionsmitglied Ralf Enders:

Gezieltes Mobbing gegen ältere und vermeintlich teure Arbeitnehmer - was sind Ihre Erfahrungen?

Unsere Hotline gibt es seit Sommer 2008. Exakte statistische Erhebungen haben wir nicht, aber die Tendenz ist klar: Die Zahl der Älteren nimmt zu. Und das hat eher häufig damit zu tun, dass die älteren Mitarbeiter mehr verdienen.

Wie viele sind dabei, die sich verfolgt fühlen, notorische Querulanten sind oder schlicht kein Recht haben?

Das sind nicht viele. In den weitaus meisten Fällen sehen wir, dass die Hilfesuchenden tatsächlich gemobbt werden.

Wer mobbt?

Jeder Mitarbeiter kann Mobber sein, aber unseren Erfahrungen zufolge sind in mindestens 50 Prozent der Fälle die Vorgesetzten maßgeblich beteiligt.

Was sind die Folgen für die Opfer?

Arbeitsunfähigkeit mit psychosomatischen Symptomen, also Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schlafstörungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wie viele Mobbing-Opfer kündigen von sich aus entnervt?

Auch da gibt‘s von uns keine genaue Statistik, aber es ist eine nennenswerte Zahl. In manchen Fällen raten wir auch dazu, dass die Betroffenen sich Alternativen zum aktuellen Job überlegen, weil der Konflikt so eskaliert ist, die Opfer so traumatisiert sind, dass eine weitere Zusammenarbeit am bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr möglich ist.

Wäre es nicht besser, dagegen vorzugehen?

Klar, aber das hängt vom Einzelfall ab. Es gibt auch justiziable Fälle, die bei Gericht landen und häufig zugunsten der Opfer entschieden werden. Aber ob der Gang vor Gericht Sinn hat, muss man sich genau anschauen.

Was raten Sie den Betroffenen?

Ganz, ganz wichtig: Professionelle, externe Hilfe suchen. Intern sind Personal- oder Betriebsrat die Ansprechpartner. Unterstützung extern bei Bedarf durch Hausarzt, Psychologe und natürlich Rechtsanwalt und wenn vorhanden Mobbing-Telefone und Selbsthilfegruppen vor Ort.

Vor allem für eine gerichtliche Auseinandersetzung oder eine Mediation ist es wichtig, ein exaktes Tagebuch zu führen: Was ist wann, wo und mit wem passiert?

Haifischbecken Arbeitswelt?

Es gibt massive Veränderungen im Arbeitsleben in den vergangenen 15 bis 20 Jahren. Früher waren die Strukturen gewachsen, heute ist alles flexibler und im Fluss. Ich habe bisweilen das Gefühl, dass Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“, die Redaktion) am Betriebseingang zugunsten des Leistungsdrucks tendenziell außer Kraft gesetzt wird. Das ist ein schleichender Prozess, und mittlerweile ist der Leistungsdruck in vielen Bereichen nicht mehr steigerbar.

Das Problem ist, dass die Ökonomie eine Steigerbarkeit bis ins Unendliche suggeriert. Aber dort, wo Menschen arbeiten, geht das eben nicht.

Soziale Konflikte am Arbeitsplatz sind ein teures Problem, auch für die Unternehmen.

Ja, aber diese Erkenntnis ist bei Betriebswirtschaftlern schwer durchzusetzen. Wir bieten ja auch Fortbildungen und Konfliktmanagement für Unternehmen. Wenige sehen die Perspektive: Wenn du deine Mitarbeiter anständig behandelst, fährst du besser und hast mehr Erfolg, schon mittelfristig.

Schauen Sie sich die demografische Entwicklung an: Durch die Lücke an Facharbeitern werden viele Unternehmen bald sehen, wie wichtig es ist, einen Stamm an qualifizierten, auch älteren Mitarbeitern zu haben.

Quelle: op-online.de

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