Ungewöhnliche Fracht

Alte Bäume verpflanzt man wohl

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Ungewöhnliche Fracht: Für einen Park in Wetzlar kommt ein Dutzend 30 Meter hoher Robinien von Hamburg nach Hessen

Wetzlar - Ungewöhnliche Fracht: Für einen Park in Wetzlar kommt ein Dutzend 30 Meter hoher Robinien von Hamburg nach Hessen. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Die Last ist gerade noch klein genug für den 24-Tonnen-Bagger. An Wolfgang Bassers Liebherr A 924 hängen fünf bis sechs Tonnen Gewicht. Wäre es nur eine Tonne mehr, hätte ein Kran den starken Mobilbagger ersetzen müssen. An der Stelle, wo sonst der riesige Tieflöffel kubikmeterweise Erde bewegt, ist eine ungewöhnliche Last angegurtet: Basser hat den Auftrag, im neu angelegten 11.000 Quadratmeter großen Leitzpark in Wetzlar elf Großbäume vom Tieflader ins Pflanzloch zu bewegen.

Sieben Robinia pseudoacacia ‘Bessoniana’ - besser bekannt unter dem Namen Scheinakazie oder Robinie - sind bereits an den beiden Tagen zuvor an ihre vorgesehenen Standorte gesetzt worden. Nun sind die restlichen Gehölze an der Reihe. Zum Teil befinden sie sich am späten Vormittag allerdings noch auf der Reise vom Hamburger Baumschulquartier nach Mittelhessen - auf ein Transportfahrzeug passt nur ein Baum. Die Nummer eins laut Architektenplan steht auf der A5 in einem Stau, Nummer zehn hat aus diesem Grund eine andere Strecke genommen und soll nun vor Nummer eins eintreffen, die Nummer elf ist schon da, aber aus technischen Gründen noch zwischengelagert. Und Nummer fünf hängt gerade am Haken. Für Dirk Reichert und seine Mitarbeiter des Wiesbadener Landschaftsbauers Gramenz ist das der kritischste Moment der Pflanzung. Der Bauleiter: „So eine Großbaumpflanzung haben wir im Schnitt nur einmal im Jahr. Das ist schon jedes Mal spannend, weil hier mit tonnenschweren Lasten hantiert wird!“

Denn steht der Baum erst einmal im Pflanzloch, kann man ihn kaum noch bewegen. Lediglich kleine Korrekturen durch Ziehen am Stamm sind noch möglich. Ein Schieben und Drücken des gut zwei Meter breiten Ballens mit dem Baggerlöffel würde das Wurzelwerk beschädigen und muss unterbleiben. Baggerführer Basser folgt deshalb zentimetergenau den Zurufen der Landschaftsgärtner: „Etwas mehr links! Jetzt vor! Wieder zurück! Und langsam ab! Stopp, weiter rechts!“ Alles geht gut, der Baum sitzt.

Feste Bindung zwischen Stamm und Ballen

Reichert läuft in verschiedene Richtungen, schaut, ob die knapp zehn Robinienmeter zu allen Seiten gerade stehen. Vorsichtig muss noch am Stamm gezerrt werden, dann wird der Ballengurt heraus gezogen, der Landschaftsingenieur klettert auf die Leiter und löst den zweiten breiten Transportgurt. Bevor das Pflanzloch - es sollte idealerweise 30 Prozent größer als der Ballen sein - mit speziellem Baumsubstrat verfüllt wird, bauen Reicherts Kollegen eine so genannte Unterflurverankerung ein. Dazu werden um den Ballen herum drei Stahlanker in den Boden getrieben, an denen Stahlseile befestigt sind. An den Enden dieser Stahlseile befinden sich Ösen, durch die ein Gurt über den Ballen gezogen wird. Dieser Gurt wird mit einer Ratsche festgezurrt und bildet auf dem Ballen ein gleichschenkliges Dreieck. Nun ist der Baum für die mindestens vierjährige Anwachsphase fixiert und weniger windanfällig.

Voraussetzung für diese Art von Sicherung ist eine feste Verbindung zwischen Stamm und Ballen, fehlt diese, so kann der Baum bei Sturm trotzdem abreißen. Zum guten Anwachsen soll das Baumsubstrat beitragen. Es ist extra grobkörnig und nährstoffarm, dass reizt die Wurzeln, auf Nährstoffsuche zu gehen und sich dabei schnell zu verlängen. Die Substratzwischenräume unterstützen das Wachstum, ein verdichteter, gewachsener Boden würde diese Tätigkeit erschweren und verlangsamen. Für die ausreichende Flüssigkeitszufuhr wird ein großzügiger Gießrand in die Erde geformt. Reichert: „So ein Bäumchen verträgt bei einer Wässerung locker an die 200 Liter Wasser. Anstatt des Gießrings legt man deshalb manchmal eine Bewässerungsdrainage, die in mittiger Ballenhöhe sein sollte. Leider wird diese oft zu tief vergraben, so dass das Wasser gar nicht die Wurzeln erreicht.“

Wertvolle Fracht

Die metallene Unterflurverankerung soll die Windsicherung mit den optisch nicht so sehenswerten Baumpfählen ersetzen, sie ist die preislich teurere Variante. Das fällt bei einer Großbaumpflanzung aber ohnehin nicht ins Gewicht: Neben der Robinia pseudoacacia ‘Bessoniana’ mit 90 Zentimetern Stammumfang steht ein Preis von 17.000 Euro in der Sortimentsliste bei Firma Lorenz von Ehren - inklusive Lieferung mit einem Speditions-Tieflader versteht sich. So ein Exemplar hat dann seine 30 bis 35 Jahre auf dem Buckel und wurde sieben Mal verpflanzt. Dementsprechend sorgfältig muss der Transport für die wertvolle Fracht vorbereitet werden, um Reise- und Pflanzstress für das Lebewesen zu minimieren. Ein riesiges Jutetuch, auch Ballentuch genannt und ein Drahtgeflecht halten die Wurzel zusammen. Beides muss bei der Pflanzung nicht entfernt werden, es verrottet von selbst im Erdreich.

Einmal komplett um den Ballen herum läuft ein breiter Transportgurt. Die zweite Transportbefestigung wird im unteren Stammdrittel angebracht, wo sich der mittlere Schwerpunkt befindet. Hier gilt besonderes Augenmerk: Um Stammquetschungen so gering wie möglich zu halten, wird der Gurt großflächig mit einem Holzgerippe und hanseatischen Rohkaffeesäcken unterfüttert. Früher nahm man für diesen Zweck auch alte Teppichläufer. Sitzt diese Befestigung nicht fest genug und verrutscht, droht im schlimmsten Fall der Totalschaden: Die Befestigung schabt beim Rutschen die Rinde mit dem Kambiumring ab, der Saftfluss wird zerstört und die Baumkrone kann nicht mehr versorgt werden. Bei komplettem Ladungssturz sind außerdem Menschenleben gefährdet.

Sperrigster Teil des Transports ist die Krone. Sie darf für die Tiefladerfläche eine Breite von drei Metern nicht überschreiten, sonst wird ein größeres Fahrzeug mit Überbreite und Sondergenehmigung fällig. Dazu muss sie stabil zusammen gebunden werden. Die Scheinakazie ist für solche Experimente ein besonders schwieriger Patient: „Ihre Zweige brechen wie Glas!“ erklärt Reichert. Zwei bis drei Stunden braucht ein Gärtner, um das Ast-Makramee eines einzigen Baumes wieder zu lösen - welches die Lorenz-von-Ehren-Mitarbeiter in Hamburg an einem ganzen Tag zu dritt kunstvoll geknüpft hatten. Werden belaubte oder immergrüne Bäume transportiert, muss auf der Fahrt abgeplant werden, um sie vor Austrocknung durch den Fahrtwind zu schützen.

Ausgesucht wurden die Bäume übrigens nicht vom Käufer, der Firma Leica. Die komplette Planung des campusartigen Platzes im Osten der Domstadt ist in Händen des Landschaftsarchitekturbüros Wewer aus Frankfurt-Sachsenhausen. Anja Wewer, die die Bäume persönlich in Norddeutschland aussuchte (in der Fachsprache „ausbinden“ genannt), erläutert ihre Wahlkriterien: „Die Robinie hat einen vorteilhaften Habitus, eine lichte Krone und im Frühsommer eine wunderschöne, reiche Blüte.“

Quelle: op-online.de

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