Alte Bücher als Leidenschaft

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Arnold Diller arbeitet in seiner Werkstatt in Frankfurt an alten Maschinen.

Frankfurt - In Handwerksberufen macht man sich die Finger schmutzig und einige wird es wohl bald nicht mehr geben. Von Lara Sturm

Im vergangenen Jahr entschieden sich in Deutschland etwa 155.000 junge Menschen für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich, das sind rund 35.000 weniger als noch 2001. Von diesen 155.000 Auszubildenden wollten nur 48 den traditionellen Beruf des Schuhmachers erlernen, den des Buchbinders sogar nur 35. Beim Steinmetz, einem der ältesten Berufe überhaupt, waren es immerhin 369 Auszubildende. Die Ausbildung zum Goldschmied traten noch 785 junge Leute an, aber auch hier nehmen die Zahlen ab. Dass die Hutmacher zu einer Randgruppe unter den Randgruppen gehören, zeigt sich auch daran, dass selbst ihr Zentralverband keine Zahlen zu Auszubildenden nennen kann.

Gehören die Meister alter Handwerksberufe zu den Letzten ihrer Zunft? Oder können sich durch ihre Einzigartigkeit und ihre Qualität gegenüber Industrieprodukten Nischen schaffen? Wer bildet noch aus, und wer warnt vor solch einer Berufswahl? In einer Artikelserie berichten eine Hutmacherin, ein Buchbinderehepaar, ein Goldschmied, ein Steinmetz und zwei Schumacher.

„Ich habe meine Konkurrenz einfach geheiratet“

Brigitte und Arnold Diller sind nicht nur im Geschäft Partner, sondern auch in der Ehe. „Ich habe meine Konkurrenz einfach geheiratet“, erzählt der Buchbinder in Frankfurt. Die beiden heirateten 1994 und legten ihre Betriebe zusammen, seitdem arbeiten sie Seite an Seite. Diller, der seit 1966 selbstständig ist, liebt die Arbeit mit alten Büchern.

Gerade restauriert er ein spezielles Geschenk. Eine Kundin kam mit dem völlig kaputten Kochbuch ihrer russischen Urgroßmutter in die Buchbinderei. Mit dem reparierten Exemplar möchte sie ihre Mutter überraschen. Und dank der Dillers erstrahlt es nun in neuem Glanz.

Sie können zufrieden sein

Die Buchbinder können zufrieden sein. Manchmal bringen Antiquare alte Handschriften vorbei oder ein Kunde hat ein betagtes Fundstück auf dem Flohmarkt entdeckt: „Könnt ihr was damit anfangen?“ Wenn Zeit ist, hauchen die Buchbinder den kleinen Schätzen dann wieder neues Leben ein. Auch Brigitte Dillers persönlicher kleiner Schatz stapelt sich in der Buchbinderei. Sie hat alte Jugendbücher, die sie damals als Teenager verschlang, aufgelesen. „Daraus kann man bestimmt noch was machen.“ Doch nicht nur Bücher von ideellem Wert werden hier repariert, auch wertvolle Schriften wurden bereits in der Buchbinderei Diller restauriert.

Dass Arnold Diller ein Meister seines Fachs ist, weiß auch die Stadt Frankfurt. Er restaurierte das Goldene Buch der Stadt, in das die Frankfurter Stiftungen eingetragen werden, und stellte die Gründungsurkunde der Goethe-Universität wieder her. „So was ist natürlich eine Ehre“, erzählt seine stolze Frau.

Einug der digitalen Drucktechnik

Auch wenn das nicht den Alltag darstellt, viele der Aufträge haben heutzutage nichts mehr mit der Reparatur von zerschlissenen Schriften zu tun. Stattdessen hat die digitale Drucktechnik Einzug in die traditionsreiche Buchbinderei im Frankfurter Westen gehalten. Großaufträge werden hier genauso gedruckt wie die Doktorarbeiten vieler Studenten.

„Der Beruf hat sich über die Jahre hinweg schon sehr verändert“, erzählt Arnold Diller. Seine Frau kann daran aber nichts Negatives finden: „Man muss eben mit der Zeit gehen“, findet die resolute Dame. Dass das Internet in nächster Zeit eine echte Konkurrenz für das gedruckte Buch und für Berufe wie den ihren darstellt, hält sie für „Quatsch“. Ein E-Book besitzt sie zwar nicht, aber sie kann dem Gerät durch aus positive Seiten abgewinnen: „Ich finde diese ganzen modernen Errungenschaften sehr spannend. Außerdem stelle ich mir es schon praktisch vor, wenn man zum Beispiel in den Urlaub nicht so viele Bücher mitschleppen muss.“

Sohn geht einen anderen Weg

So ist es für den Buchbinder eine Medaille mit zwei Seiten, dass sein Sohn, der erst den Betrieb übernehmen wollte, nun doch andere Wege geht. Dennoch ist das Ehepaar davon überzeugt, dass ihr Handwerksberuf auch in Zukunft Bestand haben wird. Daher haben sie im Laufe der Jahre ein gutes Dutzend Buchbinder ausgebildet. Die jungen Leute bringen immer frischen Wind mit in die Werkstatt, in der moderne Computer neben Jahrzehnte alten Buchbindemaschinen stehen. Ein weiteres Überbleibsel sind alte bleierne Lettern (manche von ihnen hundert Jahre alt), mit denen die Dillers Einbände prägen. „Buchbinderei ist eben ein Handwerk, das nur mit Hilfsmaschinen funktionieren kann.“

Noch sprechen die Buchbinder nicht vom Aufhören. Die Arbeit mit den Büchern macht ihnen einfach Spaß.

Quelle: op-online.de

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