Alte Frau verweigert weiter Hilfe

+

Frankfurt - „Entmündigung“ und „Vormund“ heißt es nicht mehr. Aber Menschen, die sich nicht selbst um ihre Angelegenheiten kümmern können, gibt es weiterhin. Es werden sogar immer mehr. Meist übernehmen Verwandte die Betreuung. Von Sandra Trauner

Bei Härtefällen müssen Berufsbetreuer wie Jochen Cunz ran. Der Fall schreckte Frankfurt auf: Eine Altenheimbewohnerin verweigert jahrelang jede Hilfe. Die 82-Jährige versorgte ihre Wunden selbst, in denen bereits Maden nisteten. Ende Mai wird sie vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht. Die Zwangs-Einweisung muss erst bei Gericht durchgesetzt werden, denn die Frau hat keinen gesetzlichen Betreuer - das, was man früher Vormund nannte. Einen solchen Betreuer bekommen Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen: Demente, psychisch Kranke, geistig Behinderte, Suchtkranke. An den hessischen Amtsgerichten waren Ende 2013 rund 94.000 Betreuungsverfahren anhängig - Tendenz steigend, wie das hessische Sozialministerium berichtet. Einer der Gründe ist, dass auch die Hessen immer älter werden.

Meist wird ein Familienangehöriger als juristischer Vertreter eingesetzt. Wenn sich in der Verwandtschaft niemand findet, übernehmen das Fremde: Ehrenamtliche oder Berufsbetreuer. Einer von ihnen ist Jochen Cunz aus Bad Homburg. Rund 50 Menschen betreut er derzeit. Meist fällt die Wahl dann auf einen Berufsbetreuer, wenn der Fall kompliziert oder der zu Betreuende schwierig im Umgang ist: zum Beispiel psychisch Kranke mit Suchtproblem und aggressivem Verhalten. In solchen Fällen suchten die Betreuungsstellen der Kommunen meist nach Profis, die wie Cunz Sozialpädagogen sind. Stehen - zum Beispiel nach einer Privatinsolvenz - juristische Fragen im Vordergrund, fällt die Wahl eher auf einen Rechtsanwalt. Bevor das Betreuungsrecht neu geregelt wurde, wurden Menschen umfassend „entmündigt“ - seit 1992 wird in jedem Einzelfall geklärt, „was kann er noch selbst und wo braucht er Unterstützung“, wie Cunz erklärt.

Der 55-Jährige sieht sich „als Organisator von Hilfsprozessen“: dem einen hilft er, sich sein Geld so einzuteilen, dass es für den ganzen Monat reicht. Andere brauchen Hilfe mit Behörden oder beim Arztbesuch. Einer dementen Seniorin hat er gerade eine Putzhilfe organisiert und einen Pflegedienst engagiert. „So unterschiedlich die Fälle sind: alle haben gemeinsam, dass es sehr sensible Menschen sind“, sagt Cunz. Kritische Situation gibt es dennoch: Ein Mann, den er über Jahre betreute, war überzeugt, er habe im Lotto gewonnen. Beim ersten Treffen hielt er ihn für den Geldboten. Bei späteren Terminen sah er nie ein, über Geld zu sprechen - der Mann mit der Million im Koffer werde sicher gleich klingeln. „Auch Gewalt ist ein Thema“, sagt Cunz. In seinen 20 Berufsjahren seien drei Menschen zu Mördern geworden.

Das ändert sich durch die Pflegereform

Das ändert sich durch die Pflegereform

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker ist mit dem Betreuungsgesetz eigentlich ganz zufrieden. Gut sei, dass Betreuer heute im persönlichen Kontakt mit dem Betreuten stünden und nicht mehr Hunderte von Fällen nach Aktenlage entschieden. „Theoretisch ist das wunderbar geregelt, aber in der Praxis sieht es oft anders aus“, sagt Leonore Julius, Ex-Geschäftsführerin des Verbandes. Der Verband bemängelt, dass es keine fachlichen Anforderungen für Betreuer gibt. Manchmal fühlten sich Angehörige von Dementen von den Betreuern ihrer Verwandten übergangen. Angehörige psychisch Kranker wiederum hätten bisweilen den Eindruck, die Betreuer „machen sich zu rar“. Die Frau aus dem Frankfurter Altenheim ist wieder zurück. Die Klinik, in der sie behandelt wurde, stufte sie als „voll orientiert“ ein. Laut Heimleitung hat sie weiter keinen Betreuer - sie verweigere erneut die Reinigung des Zimmers und die Pflege. Der Fall zeige, sagt Beate Glinski-Krause vom Frankfurter Forum für Altenpflege, wie „weit das Selbstbestimmungsrecht von Menschen in Pflegeheimen reicht“.

(dpa)

Quelle: op-online.de

Kommentare