„Kein Disneyland“ versichern die Planer

Altstadt nimmt Gestalt an

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Bauarbeiten bei der Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt

Frankfurt - Die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt liegt im Zeitplan. Bis Ende 2017 soll das umstrittene Projekt zwischen Dom und Römer fertig sein. Von Ira Schaible

Die rötliche Fassade des neuen Stadthauses ragt schon neben dem Kaiserdom in die Höhe. Und das Erdgeschoss des Wohnhauses von Goethes lustiger Tante Melber steht bereits. Die neue Frankfurter Altstadt nimmt Gestalt an: Zwischen Kaiserdom und Rathaus Römer werden auf einem fußballfeldgroßen Areal 15 Häuser rekonstruiert und 20 neu gebaut. Dafür wird auf vielen kleinen Baustellen parallel gearbeitet. „Alles ist im Zeitplan“, sagt Projektmanager Patrik Brummermann. Bis Anfang 2016 sollen alle Häuser im Rohbau stehen. „Übergeben können wir sie erst, wenn alle ganz fertig sind“, sagte Brummermann von der DomRömer GmbH, die das Projekt für die Stadt abwickelt. Dies werde voraussichtlich Ende 2017 sein. Die letzten Details am auffälligsten Haus, der „Goldenen Waage“, würden Anfang 2018 abgeschlossen.

Altbauspezialisten aus dem nordrhein-westfälischen Lemgo lassen das Fachwerk dieses prunkvollen Renaissance-Gebäudes wieder erstehen. Die Rekonstruktion des Schmuckstücks, das ein reicher flämischer Gewürzhändler erbauen ließ, schließt direkt an das Stadthaus an und bleibt im Besitz der Stadt. Im Erdgeschoss soll Gastronomie einziehen und auch den Platz vor dem Dom neu beleben. Die oberen Stockwerke werden vom Historischen Museum genutzt und zumindest zu bestimmten Zeiten öffentlich zugänglich sein, wie Brummermann sagt. Bürgermeister, Planungsdezernent und Historiker Olaf Cunitz (Grüne) freut sich auf „ein lebendiges Quartier“ und verspricht denen, die ein „Disneyland“ befürchten: „Wir bauen weder ein Museum noch einen Erlebnispark.“ Rund 170 Millionen Euro kostet das Projekt, die Stadt trägt davon etwa 100 Millionen.

Wie eng es in der bei einem Bombenangriff 1944 zerstörten Altstadt zuging, lässt sich etwa an der Nähe des umstrittenen Stadthauses zum Kaiserdom erkennen. Der Blick auf den gesamten Dom ist versperrt. Das gefällt vielen nicht; ist aber historisch und daher gewollt, wie Brummermann erläutert. Der Abstand vom „Esslinger“ - dem ehemaligen Wohnhaus von Goethes Verwandten - zum Nachbarhaus „Markt 20“ beträgt gerade einmal etwa drei Meter. „Das ist aber auch die engste Stelle“, sagt Brummermann. Und sie grenzt direkt an den Hühnermarkt, auf dem Touristen und Einheimische künftig Kaffee trinken können - vor dem Friedrich-Stoltze-Brunnen mit der Büste des Frankfurter Schriftstellers (1816-1891). Das Denkmal wird wieder auf den Platz umziehen, wo es einst unweit des Geburtshauses des Mundartdichters stand. Das ehemalige Wohnhaus von Goethes Tante Johanna Maria Melber (1734-1823) - die er in „Dichtung und Wahrheit“ literarisch verewigt hat - ist eines der wenigen mit einem Fachwerk-Erdgeschoss und wird wie einst ganz Weiß verputzt. Die Stadt habe sich darauf festgelegt, allen Rekonstruktionen ihre ursprüngliche Farbe wiederzugeben, erläutert Brummermann. Als gotisches Fachwerkhaus wurde der „Esslinger“ Mitte des 14. Jahrhunderts gebaut. Goethes Onkel, Georg Adolf Melber, ließ es im Stil des Spätbarocks umbauen. Wo einst seine Materialienhandlung ihren Sitz hatte, soll auch jetzt wieder Gewerbe einziehen. Welches, ist aber noch offen.

Wiederaufbau der Altstadt Frankfurt

„Für die Vermarktung der Gewerbeflächen ist es noch zu früh“, sagt Brummermann. Damit werde zwar noch in diesem Jahr begonnen, wer dann aber in die 20 kleinen Ladengeschäfte einziehe, werde sich sicherlich erst 2016 entscheiden. Fest steht: „Keine Ketten.“ Die 20 Neubauten mit insgesamt 54 Wohnungen sind bereits verkauft. Die zwischen 35 und 190 Quadratmeter großen Wohnungen haben zwischen 5000 und 7200 Euro pro Quadratmeter gekostet.

Die Wohnungen im „Esslinger“, im benachbarten „Alten Esslinger“ und im „Goldenen Lämmchen“ standen dagegen noch nicht zum Verkauf. Noch sei nicht geklärt, ob etwa das Struwwelpeter-Museum Räume miete, auch das Ikonenmuseum habe Interesse. Dies ist auch immer wieder für das als Veranstaltungsort errichtete Stadthaus im Gespräch, das im September ganz fertig sein soll. Der historische Krönungsweg vom Römer zum Dom ist zwischen den einzelnen Baustellen schon deutlich zu erkennen. „Die Pergola wird das Letzte sein, was wir machen“, sagt Brummermann. Sie soll etwa 50 Meter des Krönungswegs markieren und zugleich zur Kunsthalle Schirn abgrenzen. Allerdings haben Magistrat und Stadtverordnete bislang weder über die Gestaltung noch über die Räume für die Museen endgültig entschieden. Eine Verzögerung des Projektes sei deshalb aber nicht zu erwarten, heißt es bei der Stadt. Auf dem „Esslinger“ wird auch ein Schattenriss des Gesichts von Goethes Tante aus Bronze wieder entstehen. Daneben werde auch wieder der Hinweis zu lesen sein, dass der bekannteste Sohn der Stadt mit seiner Familie einige Zeit in dem Gebäude gewohnt hat. Die Goethes fanden 1755 für einige Monate bei den Melbers Unterschlupf, weil ihr Haus im Großen Hirschgraben umgebaut wurde. (dpa)

Quelle: op-online.de

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