Die neuen Waffen gegen Alzheimer

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Schon jetzt sind 50 Prozent der Bewohner von Altersheimen Alzheimerpatienten.

Frankfurt ‐ Bis zum Jahre 2050 werden in Deutschland 2,8 Millionen Menschen leben, die an Alzheimer erkrankt sind. Dies entspricht einer Steigerung von deutlich über 100 Prozent gegenüber heute. Von Michael Eschenauer

Dahinter verbergen sich nicht nur menschliche Schicksale, sondern eine knallharte volkswirtschaftliche Belastung durch Pflegekosten. Warnsignale dieser Entwicklung sind deutlich zu hören - und sie erklingen vor unserer Haustür: In Frankfurt leben derzeit 10 000 Patienten mit einem „manifesten Krankheitsbild“, jedes Jahr kommen 1400 hinzu.

Schon jetzt sind 50 Prozent der Bewohner von Altersheimen Alzheimerpatienten. Im Jahre 2050 werden weltweit 115 Millionen Menschen mit dieser Art versiegender geistiger Leistungsfähigkeit ringen. Derzeit sind es 35 Millionen.

Klinik wird modernisiert

Die fieberhafte Suche nach einer Therapie läuft deutschlandweit und global. Auch die Frankfurter Universitätsklinik hat sich aufgemacht, bei ihrer Bau- und Personalpolitik die Weichen so zu stellen, dass Frankfurt „zum Spitzenstandort für Alzhei merforschung werden kann“. So wird bis zum kommenden Jahr für fünf bis sechs Millionen Euro die „Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie“ mit 140 Betten und 100 Mitarbeitern auf dem „Neuro-Campus“ in Frankfurt-Niederrad modernisiert, und mit Prof. Dr. Harald Hampel hat man einen der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Alzheimerforschung an Land gezogen. Die „teure Besetzung“, so der Medizin-Dekan an der Goethe-Uni, Professor Josef Pfeilschifter, wurde gestern der Öffentlichkeit vorgestellt.

Mit Prof. Dr. Harald Hampel hat man einen der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Alzheimerforschung an Land gezogen.

Der 47-jährige Hampel leitet seit acht Monaten die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum. Er hat sich zum Ziel gesetzt, „ein international herausragendes Zentrum für Diagnostik und Behandlung von psychischen Erkrankungen in Frankfurt zu schaffen“. Die Zahl derjenigen Menschen, die einmal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung wie zum Beispiel Demenz, Schizophrenie und Depression litten, steige ständig an und liege derzeit in Deutschland bei rund 25 Prozent. Hier etwas zu bewegen sei „gesellschaftlicher Auftrag“. Speziell Alzheimer sei „eine Lawine, die wir erst jetzt richtig zur Kenntnis nehmen“.

Hampel macht Patienten und Wissenschaftlern Mut im Kampf gegen das krankhafte Vergessen. „In fünf bis zehn Jahren werden wir über wirksame Medikamente verfügen“, kündigte der internationale Forscher-Star an. Derzeit befänden sich 200 Präparate in der Entwicklung. Mit Hilfe der „Bio-Marker-Technologie“, bei der Veränderungen durch spezielle Präparate im Gehirn fast unmittelbar darstellbar seien, verkürze sich die Testphase extrem.

Krankheit Jahre vor ihrem Ausbrechen diagnostizieren

„Unser Ziel muss es sein, die großen Zahlen hoch dementer Menschen zu vermeiden, deren Versorgung nicht mehr zu bezahlen wäre.“ Künftig werde es wahrscheinlich möglich sein - nicht zuletzt durch immer leistungsfähigere Apparate zur Darstellung von Gehirnfunktionen - die tückische Krankheit bereits zehn bis 20 Jahre vor ihrem Ausbrechen zu diagnostizieren und zu bekämpfen. „Wir müsse nicht mehr abwarten, bis die Demenz das Endstadium mit den entsprechenden Problemen erreicht hat“, sagt Hampel.

Nutze man die neuesten Erkenntnisse, sei es möglich, den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung um fünf oder noch mehr Jahre hinauszuzögern, und womöglich zum Stillstand zu bringen. Bio-Marker zum Beispiel im Nervenwasser und im Blut zeigten schon relativ früh Alarmsignale in dem insgesamt 20 bis 40 Jahre dauernden Krankheitsverlauf.

„Gehirn reagiert bis ins hohe Alter auf Training“

Bis zu dem Tag, an dem die erste direkt wirksame Alzheimer-Pille beim Apotheker über den Ladentisch wandert, müssen die Menschen aber nicht die Hände in den Schoß legen. Hampel sieht in gezieltem körperlichen und geistigen Training einen Therapieansatz und hat auch die Konzeption der Klinik darauf ausgerichtet. „Training kann den Verlauf von Alzheimer-Demenz positiv beeinflussen“, sagte er gestern. Früher sei man der Auffassung gewesen, „dass die Ausbildung unseres wertvollsten und wichtigsten Organs, unseres Gehirns, nach Beendigung der Schule praktisch beendet ist.“

Dies sei falsch. „Das Gehirn reagiert bis ins hohe Alter auf Herausforderungen, Training und Abwechslung. Es kann trainiert werden, wie ein Muskel“, so Hampel. Jede Art von Training, sei es ein Memory-Spiel oder der Ballwechsel an der Tischtennisplatte lasse umgehend die beteiligten Nervenbahnen aussprießen. Möglich sei so die Herausbildung unglaublicher geistiger oder geistig-körperlicher Fähigkeiten - und eben auch die Linderung oder Überwindung der Krankheit.

Menschen über 65 Jahre, die dreimal in der Woche geistig und körperlich gezielt Gehirn und Körper trainieren, haben ein 30 bis 40 Prozent geringeres Risiko, an Alzheimer zu erkranken“, so Hampel. Der Erfolg sei noch zu steigern und zeige sich in „biologisch fassbaren Veränderungen“ im Gehirn. Diese Strategie biete in Kombination mit besseren Medikamente und besserer Apparatemedizin ein scharfes Schwert, um den Mantel des Vergessens zu zerschneiden.

Jeder Einzelne kann vorbeugen

Die „kognitive Intervention“, die nicht nur Erkrankten helfe, sondern auch die Leistungsfähigkeit von Gesunden steigere, besteht im Wesentlichen aus dem bewussten Üben von Abspeicherungs- und Abrufprozessen sowie dem Training von Aktivitäten des täglichen Lebens.

Kontakt: Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Heinrich-Hoffmann-Straße 10, 60528 Frankfurt, Zentralambulanz: Tel. 069-6301-5079.

Doch auch jeder Einzelne kann vorbeugen. Hampels Tipps: drei Mal wöchentlich mindestens ein dreißigminütiges Ausdauertraining wie Spazierengehen, Wandern, Joggen. Naturnahe, vitaminreiche Kost. Zusatzstoffe vermeiden. Regelmäßig Fisch, Obst und Gemüse verzehren. „Man sollte ein aktives Leben führen, sich interessante, anregende Lebensaufgaben suchen, bei denen man immer dazulernen muss“, so Hampel. Interessanterweise habe sich die hier geschilderte Art der Lebensführung als wirkungsvolle Therapie bei vielen schweren und chronischen Krankheiten erwiesen.

Quelle: op-online.de

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