Der andere Supermarkt

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Juniorchef von Tegut: Thomas Gutberlet

Offenbach - Der Supermarkt mit anthroposophischer Ausrichtung, für den anderenorts schon mal Bürgerinitiativen gegründet werden, gehört zu den so genannten Ankermietern des neuen KOMM.  Von Frank Pröse

Tegut wird also zugetraut, die Kundenfrequenz im neuen Einkaufszentrum positiv zu beeinflussen. Was in der Offenbacher City zudem zählt: Tegut wird gebraucht. Seit der Aufgabe von Karstadt mit seiner exzellenten Lebensmittelabteilung wird über das schmalbrüstige Angebot in der City geklagt.

Das dürfte sich mit Tegut ändern, einer der wenigen mittelständischen Supermarktketten, die sich im rabiaten Wettbewerb nicht nur einfach behaupten können. Nein, aufgrund einer außergewöhnlichen Firmenphilosophie, die sich beim Besuch des Firmensitzes in Fulda nicht nur wegen fehlender Hierarchieebenen auch optisch sofort erfassen lässt, gelingt es Tegut zu expandieren.

Jede Erweiterung wird jedoch in Maßen angegangen und stößt letztlich an räumliche Grenzen, denn Tegut hat sich die Region auf die Fahnen geschrieben. Das bezieht sich einerseits unter dem Gesichtspunkt der Qualitätssicherung auf die langjährigen und vertrauensvollen Geschäftskontakte mit Bauern und anderen Lieferanten, aber auch auf den ökologischen Aspekt der Ressourcen schonenden Nähe zu Produktionsstandorten und Supermarkt-Standorten.

Lieferungen quer durch Europa oder die Republik sind für Juniorchef Thomas Gutberlet ökologisch nicht verantwortbar. Mit seinem Konzept der Nahversorgung wolle Tegut einen Beitrag zur regionalen Wertschöpfung, zur Landschaftspflege und zum Klimaschutz leisten, sagt er. Schöner Nebeneffekt: Auch aufgrund kurzer Lieferwege ist es Tegut möglich, in nahezu jedem Segment Waren anzubieten, die den Vergleich mit dem Discounter nicht zu scheuen brauchen.

Knallharte Kalkulation ohne die sonst übliche Preisdrückerei bei Lieferanten ist also eines der Erfolgsrezepte von Tegut. Doch erst die anthroposophischen Leitlinie der Fuldaer sorgt für die Unverwechselbarkeit eines Unternehmens, dass die Konsumrevolution erahnt und mitgeprägt hat.

Jede Woche ein neuer Bio-Supermarkt

Jede Woche eröffnet in Deutschland ein neuer Bio-Supermarkt. Selbst Aldi legt inzwischen Öko-Möhren ins Regal. Tegut engagiert sich bereits seit 1982 für den Anbau und die Vermarktung von Bio-Lebensmitteln, versteckt diese aber nicht in irgendeiner Bio-Ecke, sondern integriert sie ins Sortiment. Seither setzt das Unternehmen erfolgreich Zeichen für umweltfreundliche Produktion, fairen Handel, soziale Arbeitsbedingungen.

Das liest sich wie grüner Lifestyle als Masche. Doch bei Tegut wird nach diesen Prämissen gelebt. Das spricht sich herum. In Geisenheim setzte sich sogar eine Bürgerinitiative für die Ansiedlung eines Tegut-Marktes ein. Der Protest war letztlich vergeblich, weil Edeka die Offerte der Fuldaer überbot. Thomas Gutberlet bilanziert aber ein „schönes Zeichen für das Vertrauen der Kunden in unser verantwortliches Wirtschaften“. In der Tat: Während die Branche mit zuweilen rüden Geschäftsmethoden für Schlagzeilen sorgt, sammeln Tegut und Firmenchef Wolfgang Gutberlet Auszeichnungen für Öko-Management, Personalführung, Ausbildung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze, als Bio-Markt des Jahres...

Keine Bio-Kreuzzüge

Bio ist jedoch nicht alles. Kein Kunde soll zu seinem Glück gezwungen werden. Deshalb hat Tegut auch Eigenmarken und Discountware im Sortiment. „Wir sind Händler und führen keine Kreuzzüge“, sagt Seniorchef Wolfgang Gutberlet. Doch Aufklärung der Kundschaft wird groß geschrieben. Mit Verve vertreten dann die Mitarbeiter die Maxime ihres Chefs: „Lebensmittel sind keine Sachen, sondern ein lebender Organismus“. Das passt zum Weltbild der Fuldaer, in dem das Geistige über das Materielle gestellt wird. Gegen den Zeitgeist richtet sich auch die Arbeit einer von zwei durch Gutberlet gegründeten Stiftungen, die einzig den Zweck hat, die Qualität von Lebensmittel zu erforschen und zu sichern. „Viele unserer Lebensmittel machen nur noch satt, aber sie ernähren uns nicht“, sagt Gutberlet, der bereits einen Innovationspreis für Technologie und Verfahren eingeheimst hat.

So geht man bei Tegut ungewöhnliche Wege bei der Wurstproduktion: Um den Reifeprozess der Wurstspezialitäten der Marke „Rhöngut“ zu fördern, werden die Fleischstücke in einem speziellen Lager beim Lufttrocknen mit klassischer Musik beschallt. Anderenorts wird der Kunde mit seichter Musik berieselt...

Quelle: op-online.de

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