Sympathische Lebenshilfe

Bourani trifft in Festhalle den Nerv seines Publikums

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Nichts wirkt aufgesetzt oder übertrieben inszeniert: Andreas Bourani präsentiert sich in der Festhalle authentisch und bodenständig.

Frankfurt - Seelenbalsam für die ganze Familie, Gold-Lametta aus der Kanone und der wahrscheinlich stimmgewaltigste Chor seit Gotthilf Fischers aktivsten Tagen: „Ein Hoch auf uns!“ – Shootingstar Andreas Bourani entfacht in der proppenvollen Festhalle noch einmal WM-Stimmung. Von Peter H. Müller 

Doch bevor das Frankfurter Publikum sich zum Massenchor formiert, gibt der gebürtige Augsburger über zwei ausgedehnte Konzertstunden seiner „Hey“-Tour den besseren, bodenständigeren, bekömmlicheren Xavier Naidoo und formuliert auf eine sympathische Art sehr praktische Lebenshilfe. Es soll ja nicht wenige böse Zungen geben, die immer noch hartnäckig behaupten, die zuweilen gefühlsschwangeren Songs könnten gut und gern auch vom Ober-Pastor der deutschen Pop-Szene stammen. Wer Andreas Bourani bei seinem gefeierten Frankfurt-Auftritt erlebt, wird das wohl energisch ins Reich der Fabel verweisen. Mit Recht. Nicht nur, weil sich der 32-Jährige jeden religiös grundierten Subtext erspart – nein, der Mann, der den Abend mit „Füreinander gemacht“ und „Nur in meinem Kopf“ eröffnet, steht mit beiden Beinen auf festem Boden, gern auf Tuchfühlung auch mitten unter den Fans.

Natürlich ist da immer noch der Fußball-Faktor und die unkaputtbare ARD-Hymne „Auf uns“, zu der Millionen Fans bei unzähligen Public-Viewing-Partys die Löw-Kicker zum Titel gejubelt haben – obwohl Bourani, der bürgerlich eigentlich Stiegelmair heißt, beim Komponieren des Stückes gar kein rundes Leder im Kopf hatte. Diesen einen Moment, das besondere Hier und Jetzt wollte er darin feiern – und er war wohl zur rechten Zeit am rechten Fleck. Der angenehme „Kollateralschaden“ war ein phänomenaler, quer durch die Republik schwappender Hype, der ihn wohl selbst einigermaßen überwältigt haben muss.

Dreifach Platin, über 22 Millionen mal per Online-Stream geklickt, unzählige Auftritte, TV-Nebenerwerb – Bourani scheint diesen nach nur zwei Alben entstandenen Trubel gut weggesteckt zu haben: Nichts in diesem Konzert wirkt aufgesetzt, fremdgesteuert oder übergroß inszeniert. Im Gegenteil. Er hat seine langjährigen Kumpels in einer fünfköpfigen Band versammelt, das Bühnenbild mit einer Skyline aus LED-„Wolkenkratzern“ ist angenehm reduziert gebaut, die Konzertdramaturgie klug gewählt. Und Bourani selbst setzt auf Authentizität statt Inszenierung.

Bilder: Konzert von Andreas Bourani in der Festhalle

„Glück“, „Ultraleicht“, „Zusammen untergehen“ oder „Hey“ – wenn er von Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Hoffnung und Mut zum Wiederaufstehen balladiert, nimmt man ihm das einfach ab. Er trifft dabei, quer durch die Generationen, einen Nerv. Papa nimmt selig schwelgend die Tochter in den Arm und Opa schießt dazu eine Selfie mit Oma. Muss man erstmal so hinkriegen.

Gefühlsduselei hin, Lebensberater-Gestus her – Bourani schafft das, weil er eine klasse Stimme hat und alles mit glaubhafter Überzeugung über die Rampe bringt. Selbst wenn er, für manche Fans ein Fauxpas, noch mal das „Astronaut“-Duett mit Rapper Sido bemüht.

Der olle HipHop-Rüpel ist in der Festhalle selbstverständlich nicht persönlich vertreten: Bourani passt das Sprechsing-Politikum clevererweise in ein Akustikset ein, für das er mitten in der Halle den Fans quasi die Hände reichen kann. Es ist der letzte Akt eines Spannungsbogens, der geradewegs auf den Überhit zusteuert. Mit den ersten Takten von „Auf uns!“ tanzt dann auch endgültig der Kongress, aus geschätzt 9 000 Kehlen wird vor allem die Extra-Unplugged-Variante abgefeiert, Gänsehaut-Entzündung inklusive.

Schluss ist damit aber noch lange nicht: Bouranis programmatisches Vor-Finale „Ein Ende nach dem anderen“ ist schließlich kein leeres Versprechen. Ehrensache, Zugaben müssen sein.

Quelle: op-online.de

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