Heftiger Streit um einen alten Brauch

Angriff auf Sankt Martin

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Aus St. Martin machen Kitas ein Sonne-Mond-und Sterne-Fest.  Der Linkspartei-Chef in NRW hält die Tradition für nicht zeitgemäß. Das sorgt für Zündstoff.

Bad Homburg/Düsseldorf - Die Laternen sind gebastelt, zehntausende Kinder werden singend durch die Straßen ziehen. Und nun das: Kita-Verantwortliche in Bad Homburg und in Bochum wollen statt des Sankt Martins-Festes lieber ein konfessionsloses „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ feiern.

Und der Vorsitzende der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen, Rüdiger Sagel, hat gefordert, Sankt Martin als zentrale Figur des Festes aus den Kindergärten und Kitas zu verbannen. Mit dem Brauch würden muslimischen Kindern christliche Traditionen aufgedrängt. Natürlich habe er nichts gegen die Botschaft vom Teilen und der Hilfe für die Armen, sagte der Linken-Politiker in der „Rheinischen Post“, aber: „Dazu braucht man keinen Sankt Martin, der dem Lichterzug auf dem Pferd voranreitet. “ Die Kritik an Sagels Vorstoß ist einhellig, massiv und kommt auch aus den eigenen Reihen.

Und die städtische Kindertagesstätte Leimenkaut in Bad Homburg stößt mit ihrem Vorhaben ebenfalls auf heftigen Gegenwind. Die Kita, die rund 100 Jungen und Mädchen besuchen, hatte das traditionelle Sankt Martins-Fest als Sonne-Mond-und-Sterne-Fest angekündigt. Jetzt werden Kita-Mitarbeiter nach Angaben der Stadt in Mails mit Gewalt bedroht. Die Kommune will nun Strafanzeige gegen die Verfasser stellen, sagte ein Sprecher. Die Drohungen richteten sich gegen die Kita-Leitung und die Mitarbeiter; die Absender stammten aus dem Bundesgebiet. Auslöser sei offenbar ein Bericht in einem rechtsorientierten Blog. Mit der Umbenennung sei keine Abkehr vom christlichen Ursprung verbunden, betonte der Stadt-Sprecher. Werte wie Teilen und Barmherzigkeit vermittele man weiterhin. Martinsfeuer und Laternenumzug würden ebenfalls beibehalten. Der neue Name hat sich nach Darstellung der Kommune intern eingebürgert, nachdem beim Martinsfest 1998 eine Suppe mit Sonne, Mond und Sterne-Einlage gereicht worden sei: „Das hat sich verselbstständigt.“

Kinder aus anderen Kulturkreisen

Ende Oktober hatte die Stadt erklärt, für den Namenswechsel gebe es weder „weltanschauliche Gründe“ noch Aussagen von Betreuern, politisch korrekt zu handeln, um Kinder aus anderen Kulturkreisen nicht zu diskriminieren. Genau letzteres sei Eltern aber als Grund für die Umbenennung genannt worden, hieß es dazu jedoch in Medienberichten. Bad Homburgs Ex-OB Wolfgang R. Assmann nannte die Umbenennung „seltsam“.

Der Fall sorgt auch außerhalb der beschaulichen Kurstadt für Diskussionen. Der Vorsitzende des evangelischen Arbeitskreises in der CDU in Hessen, Axel Wintermeyer, warf der Stadt vor, das Thema herunterzuspielen. Den Wortschöpfern hielt er ein „zerrüttetes Verhältnis zu Glaube und christlicher Tradition“ vor. Der Heusenstammer CDU-Landtagsabgeordnete Ismael Tipi äußerte sich ebenfalls kritisch.

Auch der Zentralrat der Muslime hat seine Sympathie für den christlichen Martin kundgetan: Der Teilnahme muslimischer Kinder an Martinszügen stehe nichts im Wege, hatte der Zentralrat erklärt. „Das Leben von Sankt Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime. Der Gedanke des Teilens spielt im Islam eine große Rolle“, befand der Vorsitzende des Zentralrats, Aiman A. Mazyek.

„Atheist und zugleich ein Fan von Sankt Martin“

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Kita-Mitarbeiter mit Gewalt gedroht

Sankt Martin scheint auch in Sagels Partei ausgesprochen beliebt: NRW-Linke-Geschäftsführer Sascha Wagner bekannte eilig, nachdem sich in der Parteizentrale in Bochum die wütenden Anrufe häuften: „Ich bin Atheist und zugleich ein Fan von Sankt Martin.“ Auch die Linke-Fraktionsvize im Bundestag, Sahra Wagenknecht, meldete sich gestern zu Wort: Sankt Martin sei ein „interkulturell angenommenes Fest“, das die Linkspartei nicht abschaffen wolle, beteuerte sie.

Der Vorstoß Sagels und der Kitas sei Teil einer Strategie der „Political Correctness“, das Religiöse aus den städtischen Kitas zu verbannen, erklärte der katholische Theologieprofessor Manfred Becker-Huberti. Ein funktions- und inhaltsleeres „Lichterfest“ werde aber nicht funktionieren, so der Fachmann für religiöse Volkskunde. Es sei auch unklug und schade den Kindern, wenn sie die religiösen Traditionen nicht kennenlernen dürften. Es spreche auch nichts dagegen, in städtischen Einrichtungen den Kindern das islamische Zuckerfest näher zu bringen.

Thomas Sternberg, kulturpolitischer Sprecher der CDU im NRW-Landtag, spricht von einer „Schnapsidee“ Sagels und wirft der Linken „Kultur- und Geschichtsvergessenheit“ vor. Martin sei eine große historische Gestalt mit sehr wichtigen Impulsen für die Sozialgeschichte Europas.

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Auch der Rottenburg-Stuttgarter katholische Bischof Gebhard Fürst will den Heiligen stark aufgewertet sehen. Für ihn ist Martin einer der bedeutendsten europäischen Glaubenszeugen und eine Orientierungsfigur. Fürst hat nicht nur die innerkirchliche Perspektive im Blick: Ein Europa, nur durch eine Währung zusammengehalten, sei wenig tragfähig. Martin, davon zeigt sich Fürst überzeugt, kann dazu beitragen, dass Europa eine Seele bekommt.

Sagel bemühte sich gestern, die Wogen zu glätten und behauptete, er sei missverstanden worden. Die Reaktionen auf seinen Vorstoß seien „schockierend“ gewesen, bekannte er. Er wolle kein Verbot der Umzüge und auch nicht die Abschaffung des Heiligen Martin. „Teilen macht Spaß“ sei schließlich das Motto seiner Partei im Bundestagswahlkampf gewesen. Die Trennung von Kirche und Staat sei ihm gleichwohl ein Anliegen, erklärte der Linke-Politiker.

dpa/kna/sjm

Quelle: op-online.de

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